Alliance Magique
Am Sonntag, den 20. September, war ich bei Alliance Magique zu Gast, um während einer zweistündigen und fünfundvierzigminütigen Live-Session auf Zoom über unsere gemeinsame Leidenschaft und meine Kreationen zu sprechen! Nochmals vielen Dank an Steeve Marion und Nicola Damien Deramaix für die Einladung.
(Französischer Ton, mit Untertiteln und Kapiteln auf Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Japanisch)
Hier sind die Kapitel des Videos:
00:00:32 - Begrüßung und Vorstellung von Vincent Hedan
00:01:36 - Werdegang: Entdeckung der Magie, Studium und Professionalisierung
00:03:23 - Was Theater zur Ausübung der Zauberkunst beiträgt
00:06:21 - Anfänge in der Kartenmagie, Earl Nelson und Respekt vor dem Zuschauer
00:10:04 - Frankreich verlassen und sich in Asien niederlassen
00:11:37 - Kulturelle Unterschiede und Zauberkunst in verschiedenen Ländern
00:16:01 - Aufmerksamkeit des Publikums, Beteiligung und Glaubensvorstellungen
00:19:52 - Reaktionen des Publikums: Herausforderung, Begeisterung und Anpassung der Show
00:25:21 - „Höchste Zeit“: Lieblingsroutinen mit einer Uhr
00:31:51 - Smartwatches: Fernbedienungen und Besonderheiten der PITATA
00:36:32 - Einen Tisch bauen, um ein Telefon zu verstecken und Informationen abzulesen
00:42:19 - Einen Notifier-Bildschirm in einer Tasche verstecken
00:45:41 - René Lavand: Poesie, Persönlichkeit und künstlerische Einflüsse
00:51:40 - Sich erlauben, persönliche Themen auf der Bühne zu erkunden
00:52:36 - Kreativität: Inspiration außerhalb der Magie suchen
00:56:55 - „Grave of the Fireflies“ und der emotionale Anspruch der Magie
01:02:57 - Magie im Film: „The Prestige“, „The Illusionist“ und „Now You See Me“
01:08:05 - „Rainman“: Gedächtnis, Wettbewerbe und das Etikett Mentalist
01:12:57 - Kategorien hinter sich lassen und Erwartungen des Publikums überraschen
01:16:38 - „Mental Theater“: Entstehung des Buches und eine Routine über Glück
01:21:25 - Eine Familiengeschichte in ein magisches Erlebnis verwandeln
01:23:00 - Von „Ihr Geist“ zu „Mental Theater“: Beteiligung und Routinen zu den eigenen machen
01:28:42 - Visuelle Magie und soziale Netzwerke: die Aufmerksamkeit des Publikums schnell gewinnen
01:30:42 - Einfachheit, klare Anweisungen und das Schreiben einer Show
01:35:40 - Künstliche Intelligenz: Spracherkennung und automatisierte Vorhersagen
01:39:02 - Unsichtbare Elektronik und die Wahl von Mentalismus-Zubehör
01:43:03 - Handschrifterkennung und mehrsprachiges Gedankenlesen mit KI
01:45:10 - Zuverlässigkeit von Elektronik und Backup-Lösungen
01:48:16 - Die Hierarchie der Peeks und Grade der Trennung
01:52:26 - Booktests entwickeln: Literatur, Borges und „Babel“
01:58:23 - Die Ursprünge von „Pi“ und „Haiku“
02:01:05 - Der kreative Prozess als Zusammensetzen von Puzzleteilen
02:02:12 - „Echo“: thematische Booktests und maßgeschneiderte Ausgaben
02:07:02 - Vincents persönlicher Memorized Stack und Pläne für seine Veröffentlichung
02:11:15 - Einen Memorized Stack auswählen und meistern: Anwendungen in „Pi Max“
02:14:31 - Eine mit KI entwickelte Trainings-App
02:15:21 - Mehrere Memorized Stacks lernen: Parallelen zu Sprachen
02:18:23 - Zauberbücher übersetzen und andere Ansätze entdecken
02:19:42 - Danny Orleans: Was Kinderzauberei dem Mentalismus beibringen kann
02:23:09 - Pause und Ankündigungen kommender Livestreams
02:24:31 - Projekte: Memorized Stacks, Tamariz’ Vermächtnis, „Multitude“ und Übersetzungen
02:29:21 - Eine mögliche Rückkehr nach Frankreich für Lectures
02:32:43 - „The Devil’s Tarot“: Ursprünge, emotionale Wirkung und ethische Fragen
02:37:22 - Rider-Waite-Tarot: Bildsprache, Interpretation und Interaktion mit dem Publikum
02:39:52 - Eine Figur spielen, ohne ihre Überzeugungen zu teilen
02:41:30 - Zusätzliche Fragen, das während des Livestreams angekündigte Angebot und Dank
Hier ist die Transkription:
Steeve Marion:
Okay, das ist gut. Das ist gut. Tap, tap, tap, tap ... und los geht’s.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich schalte jetzt zu Alliance um. Moment, ich drehe meinen Ton runter. Jetzt müssten wir live sein. Sag du mir Bescheid, prüf mal.
Steeve Marion:
Das sind die zwanzig Sekunden Verzögerung. Es sollte nicht rot sein. Live. Alles gut, Nico, du bist live.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich bin auf Alliance, richtig? Ja. Machen wir nicht wieder dasselbe wie letztes Mal. Okay. Hallo zusammen, wir freuen uns wirklich sehr, euch zu sehen und an diesem Sonntagmorgen wieder bei euch zu sein. Das ist ein etwas ungewöhnlicher Livestream, weil wir sonntagmorgens nur sehr selten welche machen. Aber wie ich schon sagte: Das ist ein besonderer Livestream für einen besonderen Gast.
Steeve Marion:
Genau. Wir wollten ihn schon seit einer ganzen Weile dabei haben. Wir freuen uns wirklich, wirklich, wirklich sehr, Vincent begrüßen zu dürfen.
Vincent Hedan:
Wir hatten schon früher darüber gesprochen, aber ja, es hat wegen all meiner Ortswechsel und der Zeitverschiebung eine ganze Weile gedauert.
Nicola Damien-Deramaix:
Auf jeden Fall ein riesiges Dankeschön an dich und willkommen bei Alliance zu diesem ersten Livestream im September. Ach ja, Schulanfang, die neue Saison. Eigentlich ist das wirklich der erste richtige Livestream der Saison, denn als wir mit David Ethans Lecture zurückkamen, war das ein bisschen etwas Separates. Dies hier ist anders; das ist wirklich die offizielle Rückkehr der Live-Sessions. Michael Chatelain ist gerade dazugekommen. Vincent, kleine Tradition: Für alle, die dich vielleicht noch nicht kennen, könntest du uns kurz daran erinnern, wer du bist, und deinen Werdegang in der Magie grob zusammenfassen?
Vincent Hedan:
Klar. Ich heiße Vincent Hedan. Auf dem E ist kein Akzent, aber auf Französisch spricht man es trotzdem „Aidan“ aus; das ist eine dieser französischen Eigenheiten. Ich bin 1983 in Frankreich geboren. Ich werde jetzt nicht jedes einzelne Jahr durchgehen, sonst kommen wir nie irgendwohin. Aber ich habe wahrscheinlich mit drei oder vier Jahren mit Magie angefangen. Das Foto steht tatsächlich hinter mir im Regal: mit einem Zauberkasten, den ich zu Weihnachten bekommen hatte, dem Majax-Zauberkasten, der wahrscheinlich bei sehr vielen Leuten eine Leidenschaft ausgelöst hat. Der Unterschied ist: Ich habe nie aufgehört. Ich hatte unglaubliches Glück, von Anfang an zu wissen, was ich machen wollte. In meiner Jugend wurde es dann wirklich zu einer Leidenschaft.
Danach habe ich Dinge studiert, die damit eigentlich nichts zu tun hatten – na ja, Mathematik und Linguistik. Heute sieht man in meiner Arbeit tatsächlich ein bisschen von beidem, aber damals war das nicht der Plan. Mein naturwissenschaftliches Studienjahr habe ich nicht geschafft, also bin ich zu Sprachen gewechselt, weil das vielleicht leichter war. Gleichzeitig nahm die Magie immer mehr Raum ein, genau zu dem Zeitpunkt, als ich entscheiden musste, ob ich weiterstudieren wollte oder nicht. Also habe ich mich für die Magie entschieden, weil ich damals wirklich leidenschaftlich dabei war, und ich hatte das große Glück, seit ungefähr 2012, glaube ich, auf verschiedene Arten davon leben zu können.
Und jetzt habe ich vor vier Jahren, also 2022, Frankreich verlassen, um durch Asien zu reisen und irgendwo in Asien eine Region und schließlich ein neues Zuhause zu finden. Am Ende habe ich mich in Manila auf den Philippinen niedergelassen. Daher die sechs Stunden Zeitverschiebung: Bei mir ist es 16 Uhr und bei euch 10 Uhr.
Nicola Damien-Deramaix:
Ja. Und du hast auch Theater gespielt, oder?
Vincent Hedan:
Weil dir das geholfen hat. Es stimmt: Wenn man in die Magie einsteigt und gleichzeitig Theater macht, funktioniert beides oft sehr gut zusammen. Theater ist ein unglaublich nützliches Werkzeug, denn wenn man Theater macht – zumindest hatte ich vielleicht das Glück, erst einen sehr guten Theaterlehrer und dann mehrere gute Lehrer zu haben –, lernt man Herangehensweisen und eine gewisse Disziplin, die auf der Bühne enorm nützlich werden. Aber selbst beim Table-Hopping oder Close-up kann man das, was man über Inszenierung, Schauspiel und den Umgang mit einem Publikum gelernt hat, herunterbrechen. Das ist ungeheuer hilfreich.
Ich habe tatsächlich mit sieben Jahren mit Theater angefangen. Danach wurde ich immer ernsthafter mit der Magie, mit Büchern und so weiter. Und ja, das erinnert mich an eine Anekdote über – wie hieß er noch gleich? – Laurent Beretta, einen großen französischen Bühnenmagier. Damals hatte er einen sehr originellen Act mit blanken Karten, und die Bewegungen auf der Bühne waren körperlich sehr ausgearbeitet. Er erklärte, dass er Tanz, tatsächlich klassisches Ballett, trainiert hatte, und dass er jedem empfehlen würde, etwas Tanz zu machen, sogar klassisches Ballett, weil es die strengste und wahrscheinlich körperlich brutalste Form ist und einem enorm viel darüber beibringt, wie man sich auf einer Bühne trägt.
Manchmal sieht man jemanden und denkt: „Ja, das ist dein erstes Mal auf einer Bühne. Du bist es nicht gewohnt, richtig zu stehen, die Stimme zu projizieren, sauber zu artikulieren, dich ständig zum Publikum hin zu öffnen“, und so weiter. Theater gibt einem viele kleine Werkzeuge dieser Art. Und interessant ist, dass ich mit Workshops angefangen habe. Man muss sich also nicht gleich für ein ganzes Jahr mit dreimal wöchentlich intensivem Unterricht verpflichten. In einer mittelgroßen Stadt findet man in den Schulferien oder zu anderen Zeiten ein- oder zweiwöchige Workshops. Als Einstieg bringt das wirklich sehr viel.
Nicola Damien-Deramaix:
Ja, das stimmt. Man hört oft, dass Theater für Magier wirklich ein Werkzeug ist, das enorm hilft, besonders wenn man professionell auftritt. Und konntest du relativ schnell von der Magie – von deiner Magie – leben, oder ...?
Vincent Hedan:
Das passierte, als ich noch Student war. Wenn man studiert, ist das ja ohnehin fast ein Vollzeitjob. Man hat auch nicht unbedingt riesige finanzielle Bedürfnisse, obwohl ich heute sehr minimalistisch lebe, das hilft also. Ja, ja. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, als ich in Australien war, war ich Student, und das war das erste Jahr, in dem wirklich hundert Prozent meines Einkommens aus der Magie kamen. Ich habe dort ein Jahr gearbeitet und studiert, also muss das ungefähr 2012 gewesen sein, so etwas, denn danach bin ich nach Europa zurückgekehrt.
Und ja, ich habe eigentlich nie wirklich ... lass mich überlegen. Nein, ich habe mit dem Studium aufgehört, Magie gemacht, und ich hatte einmal einen normalen Job: sechs Monate bei den Gelben Seiten – die Hölle. Eine Katastrophe. Danach nein, nur noch Magie.
Nicola Damien-Deramaix:
Und bist du direkt in den Mentalismus gegangen, oder hattest du wie alle anderen erst eine Karten-und-Münzen-Phase?
Vincent Hedan:
Münzen nie, weil ich viel zu schlecht darin bin. Ich habe ein bisschen damit herumgespielt, ein paar Bücher gelesen. Am Anfang war es einfach Magie im Allgemeinen, denn wenn man sehr jung anfängt – besonders in meinem Alter, oder besser gesagt in „meiner Epoche“, in Anführungszeichen, jetzt klinge ich alt –, dann ist man, wenn man 1983 geboren ist, 1990 sieben Jahre alt. Und 1990 gab es in deinem Umfeld nicht unbedingt viele Beispiele für Mentalismus, vor allem weil es noch kein Internet gab. Man hatte nur die französische Kultur im Fernsehen, also einen sehr engen Ausschnitt, obwohl es die Sendung Attention Magie gab. Und was es damals in Belgien gab, weiß ich nicht, weil ich keinen Zugang dazu hatte.
Es gab nichts. In Belgien gab es zu deiner Zeit auch nichts – als du noch gar nicht geboren warst. Also ja: Magie, Magie. Und wenn man in einem kleinen Dorf lebt, ohne Zauberladen, ohne Bibliothek mit Zauberbüchern, ohne jemanden in der Umgebung, der Magie macht – das war bei mir in der Charente-Maritime so –, dann hat man schlicht Zugang zu sehr wenig. Also macht man Kartentricks, die man vielleicht in einem Buch gefunden hat, weil ein Kartenspiel billig ist und man unglaublich viel damit machen kann. Einen Transe Cube zu kaufen, wenn man zehn ist, liegt dagegen etwas außerhalb der Möglichkeiten.
Also habe ich sehr kartenlastig und sehr Close-up angefangen. Und ich weiß nicht, ob ich Glück hatte, gut umgeben war oder beides, aber ich bin auf Bücher und Menschen gestoßen, die sehr klar geprägt haben, was ich heute bin. Das erste Zauberbuch, das ich als „ernsthaft“ bezeichnen würde und das ich je gelesen habe, war Earl Nelsons The Art of Close-Up, das auf Englisch, glaube ich, Variations heißt. Beide Ausgaben gibt es noch; CC Magique oder Marchand de Trucs haben es wahrscheinlich irgendwo auf ihrer Website. Ich habe es auf Französisch gelesen, weil ich damals überhaupt kein Englisch sprach.
Das Buch ist außergewöhnlich, weil die Routinen von Earl Nelson stammen, der ein echter Worker war: Er führte sie in Restaurants und Casinos vor, also verwendete er dieses Material tatsächlich professionell. Und die Routinen sind hervorragend. Einige davon führe ich bis heute vor, darunter eine Routine namens Envol, falls ihr sie im Buch findet. Es gibt Ringroutinen, einige Münzroutinen, also konnte man damit eine ziemlich breite Palette an Close-up kennenlernen.
Vor allem aber gab es ein Vorwort, das mein Leben verändert hat. Ich müsste das Buch wiederfinden, um es noch einmal zu lesen und exakt zu zitieren, aber dort wurde die Idee erklärt – ich weiß nicht mehr, ob von ihm, Vernon oder einer anderen unserer Legenden –, dass Menschen sich gern von einem Gentleman täuschen lassen. Wenn du also Menschen täuschst, ihnen etwas zeigst, das sie nicht verstehen, oder sie manchmal ein bisschen wie die Opfer der Magie behandelst, die du präsentierst, und dich dann auch noch über sie lustig machst, ist ihre natürliche Abwehrreaktion, dich anzugreifen: deinen Effekt, deine Persönlichkeit, deinen Frame. Das kann zu sehr schwierigen Situationen führen. Zumal ich zwölf oder dreizehn war, als ich das las, und was Kämpfen angeht, bin ich selbst heute nicht gerade Experte.
Die Idee war: Man kann Magie machen, ohne sie auf Kosten der Menschen vor einem zu machen. Man kann sie einbeziehen und sie das Erlebnis gemeinsam mit einem genießen lassen. Heute klingt das vielleicht weniger originell, weil sehr viele Performer so arbeiten, aber damals gab es noch Bücher mit Witzen wie: „Zeig die Karte deinen Freunden – falls du welche hast.“ Je nachdem, zu wem man das sagt, bekommt man sofort eine Kopfnuss. Die Zeiten ändern sich. Was akzeptabel ist, verändert sich ebenfalls, und manche Dinge kommen besser an als andere.
Ich glaube also, dass das meine Art, Magie zu präsentieren, sehr stark geprägt hat: viel mehr „Komm mit, wir machen zusammen etwas Schönes“ als „Schau, wie brillant ich bin und wie dumm du bist, weil du das Geheimnis nicht kennst.“ Das ist wirklich nicht mein Ansatz.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich schaue gerade nach, weil David Ethan fragt, wo du momentan lebst, da du so viel herumziehst. Moment, ja, das war die Frage. Er wollte wissen, wo du gerade bist. Also auf den Philippinen, richtig?
Vincent Hedan:
Auf den Philippinen, in Manila. Manila ist die Hauptstadt der Philippinen. Mein Bruder und meine Schwester haben mich vor zwei Jahren besucht, und meine Mutter war diesen Sommer hier. Und es stimmt: Davor wusste ich absolut nichts über die Philippinen. Ich hatte kaum je etwas über das Land gehört, abgesehen von bestimmten politischen Aspekten, über die ich jetzt, wo ich hier lebe, nicht sprechen darf. Aber es gab nie wirklich große Nachrichten darüber. Man hört von Kolumbien, Japan, Bulgarien, allen möglichen Ländern, aber die Philippinen sind fast nie in den Nachrichten.
Als ich angefangen habe – als ich Frankreich im August 2022 verlassen habe –, hatte ich nur zwei Rucksäcke. Ich wusste, dass ich nach Thailand wollte, weil ich schon einmal dort gewesen war und es sehr mochte, also bin ich zurückgegangen. Danach Vietnam, wieder Japan. In Südkorea hatte ich früher schon studiert, um Koreanisch zu lernen, also kannte ich das Land bereits. Danach Malaysia und Indonesien. Ich habe so ungefähr einen Monat pro Land verbracht, denn ich wollte kein Tourist sein. Ich wollte wirklich einen angenehmen Ort zum Leben finden. Die Idee war nicht, zwei Wochen am Strand Cocktails zu trinken, sondern tatsächlich jeweils einen Monat dort zu leben und zu sehen, ob ich arbeiten kann, ob ich Menschen finde, mit denen ich Magie teilen kann. Und die Antwort lautet ja: Überall in Asien gibt es Magier.
Nicola Damien-Deramaix:
Genau. Nach dieser Art Weltreise und all dem Herumziehen: Wie siehst du die Magie in den verschiedenen Ländern? Spürst du echte Unterschiede im Mentalismus, darin, wie Menschen ihn im Vergleich zu Europäern wahrnehmen? Ist es wirklich sehr anders?
Vincent Hedan:
Völlig. Ich hatte vorher schon die Gelegenheit, ziemlich viel durch Europa zu reisen. Wenn man in Frankreich lebt, ist Reisen relativ einfach. Ich hatte Lecture-Touren und einige Shows in Deutschland, England, Spanien, Italien. Belgien auch, ziemlich oft. Belgien ist leichter, weil es keine Sprachbarriere gibt, dadurch findet man schnell Kontakt. Kanada und die Vereinigten Staaten habe ich ebenfalls oft gemacht.
Aber als ich nach Asien ging, gab es einen echten kulturellen Bruch, weil plötzlich sämtliche vertrauten Bezugspunkte fehlen. In Thailand zum Beispiel gehört der Katholizismus nicht mehr zur Landschaft. Das Wetter ist anders, die Währung ist anders. Absolut alles ist anders. Vietnam hat Katholizismus, also erkennt man noch ein paar Dinge. Die Philippinen sind ein stark katholisch geprägtes Land. In Indonesien ist der Islam überall und jederzeit präsent, also wieder ganz anders. Malaysia ist grob gesagt halb chinesisch, halb muslimisch. Japan ist natürlich völlig anders; Korea ebenfalls. Es gibt riesige kulturelle, finanzielle und religiöse Unterschiede, und das überträgt sich auf die Magie.
Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Japan, das für uns wie eine vollkommen getrennte Welt wirken kann, Magie gar nicht unbedingt so anders angeht als wir. Dort gibt es Zauberbars, ein bisschen wie Le Double Fond. Man versteht das Konzept, Zuschauer eines Zaubertricks zu sein und gelegentlich auch daran teilzunehmen – etwas, das nicht überall so selbstverständlich ist, wie man vielleicht denkt.
Dann kommt man nach Thailand, und dort kann man zum Beispiel zwei Dinge praktisch vergessen. Erstens wird es fast unmöglich sein, einfach ein Kartenspiel zu kaufen, weil Betrug und Glücksspiel verboten sind. Glücksspiel ist in Thailand vollständig illegal. Man kann also nicht zu Toys“R”Us oder in einen Buchladen gehen und Spielkarten finden. Tarotdecks verkaufen sie – die findet man, darüber sprechen wir vielleicht später –, aber ein Bicycle-Deck ist entweder unmöglich zu finden oder wahnsinnig teuer, weil man es online bestellen muss. Das hängt mit den Glücksspielgesetzen zusammen: Karten bedeuten Betrug, Glücksspiel, also sind sie eingeschränkt. Man kann damit trotzdem Magie vorführen, wenn man sehr deutlich macht, was passiert und dass es in einem kontrollierten Kontext geschieht.
Eine weitere Einschränkung in Thailand betrifft Geld. Münzen und Banknoten tragen das Bild des Königs, der dort eine heilige Figur ist, also kann man damit nicht einfach machen, was man will. Man kann keine Zigarette durch eine Münze stecken, keine Banknote zerreißen, nicht den Cigarette Through Coin-Effekt machen. Das gilt als Majestätsbeleidigung. Und in Thailand wird dieses Gesetz durchgesetzt, also landet man im Gefängnis und kommt im Grunde nicht wieder heraus. Furchtbar.
Auf den Philippinen ist es dagegen nicht wirklich das Gesetz, das die Magie einschränkt. Es gibt eigentlich überhaupt keine Einschränkungen, und es gibt eine riesige Zaubergemeinschaft, weil alle Englisch sprechen. Dadurch sind sie stark amerikanischer Kultur und all den neuen Produkten, Büchern und so weiter ausgesetzt.
Was mich nicht gerade schockiert, aber sehr beschäftigt hat, war das Gefühl, dass sie auf derselben Zeitachse sind wie wir, nur an einer anderen Stelle dieser Zeitachse. Wenn man sich viel von der Magie anschaut, die auf den Philippinen vorgeführt wird, gibt es sehr viel Kinderzauberei. Daran ist übrigens absolut nichts falsch. Das ist eine äußerst schwierige Disziplin, weil Kinderpsychologie sehr speziell ist. Aber man sieht viele Sonnenschirmproduktionen, Seidentücher und Ähnliches. Das sind Dinge, die ich in den 1990er-Jahren in Attention Magie oder in Shows in Frankreich gesehen habe. Sie sind also nicht „hinterher“; sie befinden sich einfach an einem anderen Punkt auf der Zeitachse.
Und inzwischen hört man hier von Kunden: „Nein, nein, auf keinen Fall Magie – wir hätten lieber Mentalismus.“ Das Bewusstsein für andere Formen und andere Vorlieben innerhalb der Magie wächst also. Zum Teil, weil es hier Leute gibt, die ausgezeichnete Arbeit leisten und sehr, sehr talentiert sind. Einer meiner besten Freunde ist Justin Pinon – nicht Pignon wie in den François-Pignon-Filmen, sondern Pinon, P-I-N-O-N. Sucht ihn online. Er ist ein außergewöhnlicher Performer auf den Philippinen. Er war im Radio, im Fernsehen, überall. Im Grunde ist er der größte Name des Landes. Und er macht ausschließlich Mentalismus. Er hat keinerlei Problem, davon zu leben oder den Menschen verständlich zu machen, was er macht.
Das ist also die erste Barriere: vielleicht noch ein bisschen dieser Stil aus den 1990ern mit Seidentüchern und Sonnenschirmen. Sehr bunt. Leider überhaupt nicht mein Stil.
Und dann gibt es noch ein anderes Problem. Ich weiß nicht, ob das speziell die Philippinen betrifft, weil ich so lange nicht mehr in Frankreich war – vielleicht ist es die ganze Welt –, aber ich beobachte es hier, und wahrscheinlich werdet ihr mir sagen, dass es in Belgien, Frankreich und im Westen genauso ist: Die Menschen haben überhaupt keine Aufmerksamkeitsspanne mehr. Und das ist katastrophal. Sie lesen nicht mehr. Sie schauen keine langen Filme mehr. Sie hängen den ganzen Tag auf TikTok. Alles muss kurz und unmittelbar sein. Sofortiger Hook. Und selbst wenn man sie schnell packt, darf es immer noch nicht lange dauern; es muss extrem visuell sein.
Das ist also das genaue Gegenteil von allem, was ich mache. Das macht es für mich ziemlich schwierig, aber man passt sich an. Weil die Leute so auf TikTok fixiert sind, kleben sie selbst beim Gehen auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln an ihren Telefonen. Überall Zombies. Offenbar ist das weltweit so.
Ein weiteres Problem ist, dass sie nicht unbedingt daran gewöhnt sind, so zu interagieren, wie wir es während eines Zaubereffekts brauchen. Sie verstehen nicht zwingend: „Okay, jetzt muss ich wirklich auf die Anweisungen hören. Ich muss das Deck abheben, eine Seite in einem Buch auswählen, mir etwas länger als zehn Minuten merken, weil es am Ende noch wichtig sein wird.“ Man muss tatsächlich Arbeit leisten – nicht unbedingt „Erziehung“, aber man muss die Menschen an diese Art von Verfahren gewöhnen. Man muss den Zuschauer sehr viel sorgfältiger führen als früher, jedenfalls ist das mein Eindruck.
Justin hat mir eine Regel beigebracht, die er anwendet. Sie klingt unglaublich hart, aber seit ich sie anwende, habe ich keine Probleme mehr: Menschen sind Kinder. Behandle sie, als wären sie zwischen fünf und zehn Jahre alt. Also keine komplizierten Konzepte, keine langen Sätze, keine Ellipsen, kein verrücktes Vokabular. Man passt sich ein bisschen an, und plötzlich wird sehr viel mehr möglich.
Und weil es ein sehr katholisches Land ist, muss man mit bestimmten Symbolen vorsichtig sein. Man kann nicht einfach alles machen. Man hat nicht ganz dieselbe Freiheit im Ausdruck oder denselben Spielraum für Humor in bestimmten Shows. Vor einem Jahr machte ein Comedian einen Witz über den Katholizismus und wurde beim Verlassen des Theaters in den Kopf geschossen. Jemand schoss draußen auf ihn. Es ist also nicht dasselbe Umfeld. Auf manche Kleinigkeiten muss man achten.
Das Komplizierte daran ist: Man könnte denken: „Aber er ist Comedian. Das ist doch verrückt. Er könnte einfach sagen: Nein, das war ein Witz. Lasst mich Ironie oder den Aufbau von Humor erklären“, und die Leute würden es verstehen. Aber nicht immer. Manche Themen sind schwierig. Politische Themen sind natürlich unantastbar. Bis zu einem gewissen Grad ist das überall so.
Noch etwas habe ich ein bisschen in Vietnam, aber sehr stark in Thailand und auf den Philippinen bemerkt. Wenn man Mentalismus vorführt, wirken bestimmte Dinge, wie ihr wisst, sehr viel glaubhafter als Magie. Wenn ich zwei Seidentücher nehme und ihre Farbe verändere, gibt es auf der Welt nur noch sehr wenige Menschen, die wirklich glauben, das eben Gesehene sei buchstäblich geschehen. Es gibt noch Orte, an denen sie das glauben könnten, weil sie dieser Art von Dingen nie begegnet sind – „Du bist ein Zauberer“ und so weiter –, aber die meisten Menschen verstehen, selbst wenn sie nicht wissen, dass man das Ding in einem Zauberladen gekauft hat, dass das Geschehene nicht buchstäblich Realität war.
Beim Mentalismus – das passiert schon in Europa, aber in Thailand und auf den Philippinen habe ich es auf viel tieferen Ebenen erlebt – gibt es Menschen, die wirklich glauben, dass das, was du gerade gemacht hast, echt ist. Und wenn du aus ethischen Gründen nicht erklären willst, wie der Effekt funktioniert, sondern einfach klarstellst, dass es nicht real ist, damit die Sache nicht aus dem Ruder läuft, lehnen sie diese Erklärung ab. „Doch, doch, natürlich gibt es das. Wir haben es schon anderswo gesehen, bei irgendeinem Dorfsorcerer oder was auch immer. Kein Problem. Wir wissen, was du gerade gemacht hast. Es ist Hexerei. Es ist echt.“
Nicola Damien-Deramaix:
Und genau das wollte ich dich fragen. Merkst du einen Unterschied bei der Interaktion mit dem Publikum und bei den Reaktionen? Denn du weißt ja, in Frankreich und Belgien ist es mehr oder weniger gleich: Oft hat man Zuschauer, die Magiern gegenüber sofort in diesen leicht konfrontativen Modus gehen. Sie versuchen ... ich weiß nicht, ob du verstehst, worauf ich hinauswill, aber hast du das Gefühl, dass die Leute dort sich stärker beeinflussen lassen – nun ja, nicht unbedingt „beeinflussen“, aber dass sie sich leichter auf das Erlebnis einlassen? Oder ...?
Vincent Hedan:
Ja, darauf achte ich inzwischen ziemlich stark, weil ich Freunde in Frankreich habe, die bei Events, Hochzeiten und sogar in Theatern mit ihren Shows arbeiten. Die Anekdoten, die sie mir erzählen, treffen auf die Philippinen einfach nicht zu – und umgekehrt. Die Menschen verhalten sich anders.
Man muss auch verstehen – und vielleicht sage ich das, weil ich Franzose bin –, dass die Franzosen das schlimmste Publikum sind, weil sie sich auf eine sehr spezielle Art verhalten. Da gibt es wirklich diese Haltung: „Okay, ich werde herausfinden, was du gemacht hast. Ich komme aus einer Kultur, die halb lateinisch und halb germanisch ist, also werde ich dir von beiden Seiten auf die Nerven gehen.“ Das wird sehr kompliziert. Wir sitzen genau an dieser Kreuzung, und das ist sehr eigenartig.
Freunde in Europa erzählen mir also, dass sie geheckelt werden – ich weiß nicht einmal genau, welches französische Wort passt –, während einer Vorstellung gestört werden. „Ich werde das untersuchen. Ich werde es prüfen. Komm, mach es noch einmal, nachdem ich dir unmögliche Bedingungen aufgezwungen habe“, und so weiter.
Nicola Damien-Deramaix:
Genau darüber haben wir vorhin beim Aufbau vor dem Livestream gesprochen. Wir haben über soziale Netzwerke geredet. Wie oft passiert es bei einem Event, dass du einen Trick machst und die Person direkt danach online geht, um herauszufinden, wie du ihn gemacht hast, weil sie Videos finden wird – und jetzt kommt noch künstliche Intelligenz dazu. Es wird kompliziert.
Vincent Hedan:
Sehr kompliziert. Wir betreten eine interessante Welt, in der wir uns anders weiterentwickeln müssen.
Auf den Philippinen hat man dieses Problem kaum, dass das Publikum die Vorstellung stört, um sie zu entlarven. Filipinos sind stark amerikanisiert, weil ihre Geschichte ungefähr vierhundert Jahre spanische Kolonisierung umfasst – daher all die spanisch klingenden Namen, Straßennamen und kulturellen Elemente. Dann kamen die Amerikaner, um sie zu befreien, und sagten im Grunde: „Na gut, wir bleiben trotzdem.“ Also blieben sie noch eine ganze Weile, und inzwischen ist das Land seit Jahrzehnten unabhängig.
Dadurch sind sie sehr amerikanisiert. Überall gibt es McDonald’s; amerikanische Marken sind hier extrem präsent, im Guten wie im Schlechten. Amerikanisches Publikum ist im Allgemeinen sehr angenehm, weil es seine Rolle als Zuschauer völlig akzeptiert, solange man nicht ausdrücklich versucht, es zu provozieren. Filipinos reagieren sehr positiv und begeistert. Es ist unglaublich angenehm, für sie Magie oder Mentalismus vorzuführen. Sie widersetzen sich dem Erlebnis nicht, solange man natürlich respektvoll mit dem umgeht, was ihnen geschieht. Das funktioniert sehr gut. Es ist einfach kein europäisches „altes Europa“-Publikum und auch kein japanisches oder koreanisches. Es ist wirklich eine eigene Kultur.
Nicola Damien-Deramaix:
Natürlich. Und konntest du dich anpassen? Wenn du zum Beispiel eine Show zusammenstellst, passt du sie an den Ort an?
Vincent Hedan:
Ich habe ein doppeltes Handicap. Weil ich Franzose bin, ist mein englischer Akzent ordentlich, aber nicht perfekt amerikanisch – und auch nicht Filipino-English, denn sie haben ihren eigenen Akzent. Das ist also schon ein doppeltes Handicap. Jeder hier spricht Englisch, aber es ist trotzdem nicht ihre einzige Sprache. Es gibt Tagalog, die lokale Sprache, und dann Dialekte je nach Provinz und Insel und so weiter.
Englisch verlangt ihnen also bereits ein bisschen Anstrengung ab, und mir ebenfalls. Allein in der Kommunikation gibt es einen doppelten Filter. Dann kommen die Dinge hinzu, die ich mache, die Konzepte, die ich anspreche, und die Präsentationen, in die ich sie hineinführen möchte. Manchmal muss ich das etwas glätten und vereinfachen.
Inzwischen funktioniert es gut. Ich hatte die Gelegenheit, hier mit Justin und einem anderen Freund, Mateus, aufzutreten, der portugiesisch-philippinisch ist und in den Vereinigten Staaten und Europa aufgewachsen ist. Er hat also einen sehr gemischten, vielseitigen kulturellen Hintergrund. Wir haben hier gemeinsam Shows gemacht und das funktioniert gut. Teilweise geht es auch darum, sein Publikum zu finden. Wenn man sich mit einem bestimmten Image, einer bestimmten Sprache, bestimmten Preisen und bestimmten Spielorten vermarktet, kommen einige Menschen – und andere nicht.
Ein großer Teil der Kinderzauberei hier wird für extrem niedrige Budgets gemacht, weshalb die Leute, die das machen, Mühe haben, davon zu leben. Ich positioniere mich eher in bestimmten Locations und, sagen wir, für ein etwas wohlhabenderes Publikum. Das geht oft mit einem bestimmten Bildungsniveau und besserem Englisch einher, daher kommen diese Zuschauer etwas leichter mit dem zurecht, was ich mache.
Nicola Damien-Deramaix:
Dazu gab es eine kleine Frage, die du teilweise schon beantwortet hast. Du trittst hauptsächlich auf Englisch auf, richtig? Jemand fragte, ob du deine Shows auf Filipino machst oder überhaupt nicht.
Vincent Hedan:
Es ist kompliziert. Filipino ist offenbar keine besonders schwierige Sprache. Es gibt nur Laute darin – vor allem NG-Laute –, die für mich schwer auszusprechen sind. Und ehrlich gesagt: Nach Deutsch, Englisch, Koreanisch, Japanisch ... habe ich meine Grenzen. Filipino vielleicht in einem anderen Leben.
Zumal Englisch ohnehin mit praktisch allen funktioniert. Ein- oder zweimal werfe ich eine kleine Redewendung auf Tagalog ein, weil es sie zum Lachen bringt, wenn ein Weißer eines ihrer Wörter benutzt. Das hat immer etwas Amüsantes.
Nicola Damien-Deramaix:
Sie sind auch stolz, wenn man sich die Mühe macht, das ist sicher. Ich scrolle ein bisschen hoch, weil da vorhin eine Frage war, die wir sonst verpassen. Simon Abbé fragte: Welchen Effekt aus deinem Buch Höchste Zeit benutzt du am häufigsten?
Vincent Hedan:
Gute Frage. Moment, ich hole das Buch heraus und schaue rein. Ah, lustig – auf dem Weg können wir über etwas sprechen, das ich euch zeigen wollte, etwas, das ich noch nie jemandem gezeigt habe.
Um Simon zu antworten: Es hängt von den Bedingungen ab. Simon aus Belgien – hallo, ich kenne ihn gut. Es kommt darauf an. Ich habe das Buch hier auf Englisch, daher weiß ich den französischen Titel nicht mehr ganz genau, aber ich glaube, der erste Effekt im Buch heißt auf Französisch L’Heure humaine. Ich zeige euch die englische Version; ich glaube, ich habe sie hier.
Kann ich das machen, um zu testen, worüber wir vorhin gesprochen haben? Bildschirm teilen so ... und wenn ich das mache ... Maurice Douda hat euch gerade eine kleine Nachricht geschickt und sagt, dass er sich freut, dich zu hören, Vincent. Ich hätte Maurice vorhin fast erwähnt, weil er seit Jahren regelmäßig Videos auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht – eine wahnsinnige Menge Arbeit – und ich glaube, er hat ein oder zwei Earl-Nelson-Effekte vorgeführt. Ich glaube, Envol ist dabei. Maurice kann es im Chat bestätigen oder auch nicht.
Seht ihr meinen geteilten Bildschirm mit dem Buchcover? Das ist das Buch, das Simon erwähnt hat. Ich habe es, glaube ich, im Mai veröffentlicht. Es ist ein Buch, das ausschließlich eine verbundene Uhr verwendet, die mit einer Fernbedienung gekoppelt ist. Es funktioniert also mit der PITATA Watch, die ich jeden Tag trage, aber auch mit der Electricks SB Watch und der IARVEL Watch, die ebenfalls eine Fernbedienung hat. Es gibt auch ältere Uhren. Miranda hatte eine mit Fernbedienung, aber die ist heute sehr schwer zu finden. Turner hatte ebenfalls eine, aber die ist praktisch unmöglich aufzutreiben, weil sie seit Jahren eingestellt ist.
Die PITATA passt am besten zu meinen Bedürfnissen. Ich erkläre euch gleich warum: Sie ist die einzige mit einer Funktion, die keine der anderen hat, und diese Funktion ist für mich grundlegend. Eigentlich sind es zwei Funktionen, aber sie hängen zusammen – eher eineinhalb.
Aber keine Sorge: Das Material im Buch funktioniert mit jeder verbundenen Uhr, die eine Fernbedienung hat. Ich selbst benutze die Fernbedienung von Illuminati namens Thumper V2, die man auf ihrer Website findet. PITATA liefert ebenfalls eine Fernbedienung zu seiner Uhr. Ihre Fernbedienung ist grauenhaft, deshalb empfehle ich dringend, sie direkt in den Müll zu werfen, weil sie unbrauchbar ist. Ich will nicht, dass jemand denkt, ich würde Werbung für PITATA machen. Sie stellen Dinge her, die genial sind, und andere, die direkt in den Müll gehören. Ich habe kein Sponsoring, es ist mir egal. Ich sage euch die Wahrheit.
Das Buch enthält also fünf oder sechs Routinen nur mit der Uhr. Um Simon zu antworten: Es gibt einen Effekt, den ich sehr mag und immer vorführe, wenn ich Close-up, Table-Hopping oder Cocktails mache. Im Grunde ist er das Äquivalent zum Invisible Deck, nur ohne Karten.
Das hat einen Vorteil, denn ich liebe das Invisible Deck. Vielleicht sprechen wir später darüber; ich habe eine Version, die ein normales Deck benutzt, sodass ich kein zusätzliches Gimmick-Deck in der Tasche tragen muss und Platz spare. Aber mit der Uhr kann man beim Publikum denselben Effekt erzeugen. Der Ablauf ist derselbe, die emotionale Wirkung am Ende ist dieselbe, nur dass keine Karten beteiligt sind. Damit ist es ein Kartentrick weniger im Repertoire. Man kann sein „Spielkarten-Guthaben“ später in der Vorstellung für einen anderen Effekt einsetzen.
Für diesen Effekt nimmt man also die Uhr. Im Buch gibt es mehrere Versionen, aber ich beschreibe die einfachste. Man nimmt die Uhr und erklärt den Leuten, dass sie ...
Nicola Damien-Deramaix:
Ja, mach weiter. Kann ich dich nur bitten, wenn es dir nichts ausmacht, wieder auf Vollbild zu gehen? Sonst sehen wir dich kaum. So –
Vincent Hedan:
Das ist besser, jetzt sind wir größer. Und ich mache das – so, das müsste passen. Okay. Hier ist die Uhr, und man bittet die Leute, die Zeiger zu bewegen. Es wird etwas schwer, euch das zu zeigen, weil ich gleichzeitig sehen muss, was ich mache, aber grundsätzlich kann man ... Ich weiß nicht, ob ihr es wegen der Reflexion meines Lichts sehen könnt, es ist sehr schwierig, und natürlich bin ich gespiegelt. Bin ich gerade völlig blöd oder was? Ich weiß nicht, ob ihr die Zeiger sehen könnt. Jedenfalls kann man die Zeiger mit dem kleinen Ding bewegen – der Krone an der Seite.
Nicola Damien-Deramaix:
Im Grunde mischen sie also die Zeiger durcheinander und so weiter. Aber sie machen das mit der Uhr nach unten.
Vincent Hedan:
Sie machen es mit dem Zifferblatt nach unten, und dann stoppt einer von ihnen. Man bittet die Leute, die Uhr von Hand zu Hand weiterzugeben. Die Leute bilden also einen kleinen Kreis. Du gibst die Uhr der Person neben dir, die sie an die nächste weitergibt, dann an die nächste, und sie wandert durch diese kleine Gruppe von vier oder fünf Leuten um dich herum.
Das Spiel besteht darin, dass jeder jederzeit entscheiden kann, die Uhr zu behalten, ohne es jemandem zu sagen. Das ist also wirklich für jeden eine vollkommen freie, individuelle Entscheidung. Und während die Uhr durch die Gruppe wandert, darf jeder an irgendeine Uhrzeit denken, die ihm persönlich gefällt – die eigene Geburtszeit, die Uhrzeit von irgendetwas.
Dann stoppt jemand und sagt: „Ich behalte die Uhr. Das ist meine Entscheidung.“ Man fragt, welche Uhrzeit die Person gewählt hatte, um deutlich zu machen, dass alle an etwas anderes gedacht haben. Man fragt die zwei Personen daneben: „An welche Uhrzeit habt ihr gedacht?“ Eine sagt 8:15, die andere 10:10, und die Person, die die Uhr behalten hat, wollte 9:30. Sie schaut auf die Uhr, und die Uhr zeigt 9:30. Neun Uhr dreißig. Okay.
Wenn man darüber nachdenkt, ist das exakt dieselbe Struktur wie beim Invisible Deck. Beim Invisible Deck verwende ich eine Version namens Circle of Energy von Nicholas Belleas. Sie stand im Buch Neal Scryer and Friends, diesem riesigen Buch voller Routinen, und darin steckt dieses kleine Juwel. Er macht es mit einem Kartenspiel in einem Umschlag. Das Deck wandert durch die Gruppe und jeder denkt an eine Karte. Eine Person entscheidet, das Deck zu behalten, und sagt: „Ich dachte an die Herz Acht.“ Man öffnet das Deck, und genau eine Karte liegt umgedreht darin: die Herz Acht. Also: Invisible Deck.
Aber statt zu sagen: „Es gibt ein unsichtbares Kartenspiel“, was eine sehr magische Präsentation ist, ist seine Präsentation stark mentalistisch. Und hier ist es dasselbe: Ein Gegenstand wandert herum, jemand stoppt, wann er will, jemand nennt etwas, und der Gegenstand manifestiert genau dieses Etwas. Dieselbe Struktur, nur mit einer Uhr.
Für Close-up ist das also, um Simon zu antworten, der Effekt, den ich ständig mache. Auf der Bühne gibt es noch einen anderen, den ich erwähne, aber ich gehe nicht ins Detail, sonst wird es zu kompliziert. Es gibt eine Routine rund um eine Weihnachtsgeschichte, die ich früher in der Mitte meiner Theatershow in Paris vorgeführt habe, im selben Theater, in dem Julien Losa vor mir gespielt hatte, der Comédie Saint-Michel. Ich erzählte eine Weihnachtsgeschichte, und am Ende manifestierte sie eine bestimmte Uhrzeit, die das Publikum gewählt hatte – dieselbe Uhrzeit, die auf einer Uhr erschien, die ich ihnen ganz am Anfang der Show gegeben hatte. Das sind meine zwei Lieblingsroutinen aus dem Buch.
Nicola Damien-Deramaix:
Wenn wir schon bei Höchste Zeit sind, gebe ich dir, wenn du nichts dagegen hast, gleich die anderen Fragen weiter. Die eine haben wir beantwortet. Simon fragt: Welche App benutzt du, um die Illuminati-Fernbedienung mit der PITATA Watch zu steuern?
Vincent Hedan:
Es gibt keine App. Eine Routine im Buch verlangt, dass man die Fernbedienung vorher programmiert, indem sie sich drei verschiedene Uhrzeiten merkt, die man später an die Uhr schickt. Aber das ist eine optionale Routine, weil es im Buch Boni für etwas speziellere Setups gibt.
In der Praxis benutze ich die Uhr und die Fernbedienung direkt. Mehr brauche ich nicht bei mir. Ich könnte nackt im Weltraum sein, nur mit Uhr und Fernbedienung, und das würde völlig reichen, weil beide direkt miteinander kommunizieren.
Ich mache daraus jetzt keinen technischen Illuminati-Support, aber auf der Illuminati-Website gibt es Tutorialvideos, die zeigen, wie man genau diese Uhr mit ihrer Fernbedienung koppelt. Wenn man das einmal gemacht hat, merkt sich das System die Kopplung. Jedes Mal, wenn man Uhr oder Fernbedienung aufweckt, funktioniert es.
Vor ein paar Sekunden sagte ich, dass die PITATA für mich die beste ist. Ich wollte nur erklären, warum. Sie hat eine extrem interessante Funktion. Sie besitzt eine echte Krone, während die IARVEL, wenn ich mich richtig erinnere, nur einen Knopf hat, der frei durchdreht. Das ist kein Problem, wenn keine deiner Routinen erfordert, dass der Zuschauer die Krone berührt. Dann ist alles bestens. Aber in einigen meiner Routinen muss der Zuschauer tatsächlich die Zeiger durcheinanderbringen.
Bei der PITATA kann man die Krone herausziehen. Man kann sie drehen, und sie klickt wie eine normale Krone. Und darüber hinaus ist sie die einzige, bei der sich die Zeiger dabei wirklich bewegen. Die Krone der SB lässt sich ebenfalls drehen, aber sie dreht nur frei; man kann sie nicht wirklich benutzen. Man kann die Uhr mit dem Zifferblatt nach unten halten und den Leuten sagen: „Mischt die Zeiger“, aber tatsächlich passiert nichts. Bei der PITATA kann man das wirklich offen und direkt vor den Leuten machen.
Und es gibt noch eine weitere Funktion, die extrem interessant ist. Kann ich euch das zeigen? Ich probiere es erst einmal bei mir, um sicherzugehen, dass es funktioniert. Ich will euch keine beschissene Demo zeigen, die scheitert.
Nicola Damien-Deramaix:
Du hast aber keine Batterieprobleme mit deiner Uhr? Nicht mehr als sonst? Denn besonders über die IARVEL Watch gab es ziemlich viele negative Rückmeldungen, weil sie Batterien verschlungen hat.
Vincent Hedan:
Diese Antwort ist sehr geografisch, denn hier auf den Philippinen kostet die Batterie, die ich für diese Uhr brauche, einen Euro. Ich kaufe fünf Stück, und damit ist mein Jahr im Grunde abgedeckt. Bei fünf Euro mache ich mir nicht viele Gedanken.
Aber nein, sie wird nicht induktiv oder per USB oder sonst wie geladen. Darin steckt eine echte Batterie. Man prüft vor der Show einfach, dass sie nicht leer ist, dann ist alles gut.
Ich prüfe kurz, ob alles funktioniert. Sieht gut aus. Ich teile jetzt den Bildschirm der App, die ich benutze. Das ist einfach die normale PITATA-App. Ich weiß nicht, ob den Leuten klar ist, wie mächtig diese Funktion ist. Seht ihr den PITATA-Bildschirm neben mir?
Gleichzeitig könnt ihr vielleicht sehen, dass ich die Uhr am Handgelenk trage. Ich stelle sie jetzt auf eine andere Zeit. Ich drücke also die Krone hinein – ich bin der Zuschauer – und drehe, drehe, drehe. Schaut jetzt auf den Bildschirm und beobachtet, was mit den beiden Uhrzeiten in der App passiert. Gerade ist sie blau auf 5:46 gesprungen – die Zeit unten in der Mitte, 5:46 –, und das ist die Uhrzeit auf meiner Uhr. Okay.
Das ist eine der Funktionen, die ich wollte, und soweit ich weiß, ist es bisher die einzige Uhr, die das kann. Ich wäre begeistert, wenn jemand eine andere mit derselben Funktion baut. Wenn jemand eine Uhrzeit auswählt – zum Beispiel denkt sie an die Geburtszeit ihres Sohnes –, stellt sie die Uhr darauf ein, und du kannst diese Zeit entweder durch einen Blick auf dein Telefon oder auf ein kleines verstecktes Display irgendwo erfahren, das dir die Information zeigt.
Die Uhr empfängt also nicht nur Informationen. Sie sendet auch Informationen zurück an dich, die du dann interpretieren, enthüllen oder als Grundlage für einen Effekt benutzen kannst. Das ist bei genau dieser Uhr extrem interessant. Leider glaube ich, dass sie die einzige ist, die das kann, es sei denn, jemand im Chat kennt ein anderes Modell. Ich bin immer interessiert, wenn andere existieren.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine – nur ein winziges technisches Detail –, aber ich glaube, PITATA ist auch die einzige, bei der sich die Zeiger schneller bewegen.
Vincent Hedan:
Ja, weil die Zeiger nicht durch den Motor blockiert sind und daher nicht mechanisch logisch vollständige Umdrehungen machen müssen. Sie nehmen sofort den kürzesten Weg.
Ob du die Uhrzeit über die App, per Texteingabe oder mit der Fernbedienung einstellst: Wenn ich 10:10 drücke, während die Uhr 9:30 zeigt – also fast etwas völlig Gegensätzliches –, springen die Zeiger praktisch sofort auf die richtige Position. Man muss nicht ewig warten, bis sie einmal komplett herumgelaufen sind und die Zielzeit erreicht haben.
Vorhin habe ich erwähnt, dass ich jemandem die Uhr gebe, und das mache ich auch auf der Bühne: Die Person wählt eine Zeit, und ich muss sehen, was sie gewählt hat. Das Problem ist, dass die Information hauptsächlich auf dem Telefon angezeigt wird. Und ich lehne jede sichtbare Technologie absolut ab. Darüber habe ich schon gesprochen, und wir können gern wieder darüber sprechen, aber ich habe einen Blogartikel dazu geschrieben und schicke die Leute dorthin.
Wie schaut man also auf der Bühne auf einen Telefonbildschirm, ohne ein Telefon in der Hand zu halten? Ich habe eine Lösung gefunden. Ich bin nicht der Einzige, der auf etwas Ähnliches gekommen ist, aber ich habe sie Freunden hier gezeigt, sie mochten sie, also teile ich sie mit euch. Öffentlich habe ich das noch nie gezeigt.
Ich versuche es ordentlich zu machen, weil es ziemlich lustig ist. Hopp, hopp, hopp. Du bist auf der Bühne – das ist eine Lösung für Bühnenperformer. Wegen der glänzenden Oberfläche oben gibt es etwas Reflexion, aber stellt euch vor, das hier sei ein kleiner Tisch, die Platte eines Beistelltischs. Man sieht überhaupt nichts, außer ... man bewegt sich so darüber. Und tatsächlich hat man einen Tisch, der einen Bildschirm versteckt.
Ich habe davon auch ein Video, das ist vielleicht einfacher. Ich teile es, und wir können über die Animation sprechen. Seht ihr den Tisch auf dem Bildschirm? Okay. Dieser Tisch sieht unglaublich dünn aus. Der Fuß ist ein Mikrofonständer, und die Platte ist – wie nennt man das? – eine Ablage für einen Overheadprojektor, so eine Ablage, die man bei einer Lecture oder Ähnlichem verwenden würde. Man kann sie für ungefähr fünfzehn Euro bei Amazon oder eBay kaufen. Oben und unten gibt es ein Loch mit einer kleinen ...
Nicola Damien-Deramaix:
Mir fällt das französische Wort nicht ein. Eine Schraube, damit man sie festschrauben kann – meinst du das?
Vincent Hedan:
Genau, danke. Sie hat dieselbe Art Schraube wie der Mikrofonständer, fast als wären beide füreinander gemacht. Ich hatte so etwas vorher nie gesehen, also war ich sehr glücklich.
Und dieser Tisch versteckt Elektronik. Er versteckt einen Bildschirm. Er versteckt außerdem – ihr seht es später – die Reihenfolge meiner Show. Er braucht also keinen Platz, ist unglaublich leicht, und während wir im Video weitergehen, seht ihr den Telefonbildschirm erscheinen.
Nicola Damien-Deramaix:
Oh ja, genial. Aus Sicht des Publikums sieht man auf der Bühne also nur diesen ...
Vincent Hedan:
... extrem minimalistischen, reduzierten, dünnen Tisch. Es gibt absolut keinen Grund, zu vermuten, dass darin irgendwelcher elektronischer Zauber steckt. Aber wenn du als Performer neben dem Tisch stehst, um etwas zu suchen, einen Stift zu nehmen oder was auch immer, kannst du den Telefonbildschirm mit der PITATA-App sehen – oder alles andere, was du möchtest. Wenn du zum Beispiel ein elektronisches Impression Pad hast, kann es die Schrift duplizieren und dich lesen lassen, was geschrieben wurde.
Du sagst also: „Ich will auf keinen Fall hinschauen“, drehst den Kopf zum Tisch – und aus deiner Perspektive ist das natürlich fantastisch.
Nicola Damien-Deramaix:
Man könnte dort sogar Spickzettel für Booktests oder so etwas unterbringen.
Vincent Hedan:
Genau. Du erwähnst Spickzettel: Wenn ihr auf den gelben Zettel oben schaut – es ist ein Video, also sieht man es nicht sehr deutlich –, das ist tatsächlich ein Post-it. Darauf habe ich die Liste der Effekte meiner Show in der richtigen Reihenfolge geschrieben. Okay? Weil ich völlig blöd bin und mir nicht merken kann, welche Tricks ich in welcher Reihenfolge machen soll.
Du hast also, was wir auf Englisch eine Setlist nennen – auf Französisch vielleicht einen Ablaufplan –, und sie liegt einfach seitlich da. Aus Sicht des Publikums wieder ein extrem leerer Tisch, mit kaum mehr als einem Stift und der Papierkugel, die ich später ins Publikum werfe, um jemanden auszuwählen.
Aus deiner Sicht ist es dagegen eine komplette Kontrollstation. Und hier habe ich nur ein Loch für ein Telefon ausgeschnitten. Wenn ich ein iPad wollte, würde ich ein größeres Loch schneiden. Wenn ich zwei Telefone wollte, zwei Löcher: eines könnte Licht und Musik steuern, das andere die Magie. Im Grunde kann ich machen, was ich will.
Ich wechsle wieder auf Vollbild und zeige euch, wie der Tisch gebaut ist, denn ich mag günstige Lösungen, und diese kostet wirklich sehr wenig.
Nicola Damien-Deramaix:
Das ist genau die Frage: Wie bekommt man so etwas?
Vincent Hedan:
Von der Dicke her ist er dünner als ein Kartenspiel, wenn man beides nebeneinanderlegt. Es ist also unmöglich, etwas zu vermuten.
Innen besteht mein System – wo ist mein Telefon? Hier. Gut, das sieht man, wenn ich im Vollbild bin. Im Grunde besteht das System einfach aus einem Telefon und dieser Ablage. Weil es eine Overheadprojektor-Ablage ist, wurde sie so entworfen, dass Dinge nicht herunterrutschen und auf den Boden fallen. Deshalb hat sie rings um den Rand eine Art erhöhte Rinne. Diesen Rand benutze ich, um Foamboard zu verstecken.
Ich habe zwei Schichten benutzt, weil ich kein 6-mm-Foamboard gefunden habe, also sind es bei mir zwei Lagen mit je 3 mm. Es kostet praktisch nichts und ist in jedem Schreibwarenladen erhältlich. Man nimmt ein Bastelmesser, schneidet die Form des Telefons aus und legt das Telefon hinein.
Das Problem ist: Jetzt gibt es ein offensichtliches Loch. Und hier kommt etwas, worüber ich mich wirklich freue. Ich verwende, was man auf Englisch Privacy Screen nennt – ich weiß nicht, wie man es auf Französisch nennen würde, vielleicht Sichtschutzfolie oder Display-Schutz. Das ist das Ding, das man normalerweise auf ein Telefon klebt, damit die Leute neben einem nicht sehen können, was auf dem Bildschirm ist.
Das Problem ist, dass sie meist nur in Telefonformat verkauft werden, während unsere Tische größer sind. Der Tisch im Video ist ungefähr doppelt so groß wie diese Ablage. Aber weil Menschen heute riesige Computerbildschirme bei der Arbeit benutzen und nicht wollen, dass Kollegen sehen, was sie anschauen – weil sie eigentlich arbeiten sollten, aber illegale Websites ansehen oder was auch immer –, kann man Privacy-Filter für große Desktop-Monitore kaufen, 27 Zoll und so weiter.
Also kauft man einen. Sie sind billig, bei Amazon oder sonst wo. Dann klebt man ihn auf das Foamboard. Meiner ist buchstäblich mit normalem Klebeband befestigt. Und jetzt sieht man von hier nichts.
Nicola Damien-Deramaix:
Und von dort kann man direkt hindurchsehen. Genial. Und wenn man es wirklich schützen will ...
Vincent Hedan:
Weil der Filter eine Orientierung hat, blockiert er die Sicht in einer Achse. Wenn man alle vier Richtungen schützen möchte, hat mein Freund Justin tatsächlich zwei Schichten verwendet: eine in der einen Richtung, die andere um neunzig Grad gedreht. Dann kommt absolut nichts durch, außer bei einem geraden vertikalen Blickwinkel, und niemand außer dir sieht etwas auf dem Bildschirm.
Ich habe das Gefühl, jemand wird die Idee mögen und sehr schnell einen bauen. Hallo, David. Und es kostet nichts. Wirklich fast nichts. Ich habe noch Foamboard übrig und jede Menge von der Sichtschutzfolie. Sehr leicht zu bauen.
Eine großartige Idee, selbst wenn man keine Elektronik benutzt. Wie du gesagt hast: als Spickzettel. Wenn du ein progressives Anagramm mit einem Entscheidungsbaum hast, der zu schwer zu lernen ist, leg den Baum dort hin, tu so, als würdest du wegschauen, und zack – da ist er.
Zur Entstehungsgeschichte: Ich habe diesen Ansatz entdeckt, weil ich eine Möglichkeit gesucht habe, ein kleines Display zu verstecken, das ich benutze und Notifier heißt. Wer PeekSmith kennt: im Grunde dieselbe Idee, nur von Illuminati. Es ist ein winziger Bildschirm ungefähr so groß wie ein kleines Bic-Feuerzeug oder vielleicht die Kappe eines Sharpies. Man kann ihn palmen und die Information peeken, aber darin bin ich schlecht, also mache ich das nicht.
Früher habe ich ihn in meine Tasche gesteckt. In der Tasche ist dauerhaft eine Art Schablone eingerichtet. Ich habe eine für jede Größe und Art von Anzug, Kleidung, Jacke und so weiter. Auf die Rückseite habe ich zwei Magnete geklebt – ich weiß nicht, ob man sie hier sieht –, einfach zwei normale kleine Kühlschrankmagnete. Das Display hat passende Magnete und rastet daran ein. Klick. Vor mein Gesicht halten ist nicht gerade die beste Demonstration.
So hält es. Und dann habe ich in meiner Jacke, meinem Hemd, Mantel oder was auch immer einen unsichtbaren Peek. Es sitzt nicht genau am Rand, sondern etwa ein Fingerglied tief in der Tasche – gerade tief genug, dass ich es noch sehen kann.
Das Problem ist: Normalerweise müsste man so nach unten schauen. Also habe ich noch einen kleinen Trick gefunden. Wenn jemand einen Würfel wirft – einen verbundenen Würfel zum Beispiel –, etwas auf ein Blatt Papier zeichnet oder die Sache mit der Uhr macht, sage ich, dass ich nicht hinsehen will. Beobachtet die Geste; unglaublich einfach, sehr technisch, ihr werdet sehen: „Ich will nicht sehen, was du machst.“ Dann komme ich wieder hoch und verrenke meinen Hals praktisch in diese Richtung. Dadurch habe ich eine direkte Sichtlinie auf das Display. Sofort weiß ich, was passiert.
Während ich an dieser Idee arbeitete, dachte ich: Die Helligkeit ist zu stark. Sie lässt sich einstellen, aber selbst auf Minimum ist sie zu hell. Vor allem: Das hier sehe ich, weil ich im perfekten 90-Grad-Winkel direkt darauf schaue. Aber wenn ich es kippe ... Im Moment verschwindet es wegen meiner Beleuchtung nicht vollständig, aber ich habe außerdem eine Sichtschutzfolie auf das Display geklebt.
Wenn es also in meiner Tasche steckt und ich senkrecht nach unten schaue, sehe ich genau, was passiert. Aber wenn du auch nur aus einem 30-Grad-Winkel kommst, ist das Display aus deiner Perspektive schwarz. Du siehst absolut nichts.
Und da dachte ich: „Das ist doch albern. Auf einem winzigen Display funktioniert es. Warum legen wir nicht dasselbe über die gesamte Tischplatte?“ Dann haben wir totalen Schutz. Das ist also auch noch der kleine Taschen-und-Magnet-Trick. Er hält sehr gut.
Nicola Damien-Deramaix:
Das passt auch zu Arthurs Frage. Erschwert die Sichtschutzfolie nicht die Bedienung des Touchscreens auf deinem ...
Vincent Hedan:
... Telefon zum Beispiel? Und genau das ist das Schöne: Weil sie für Telefone gedacht ist, bleibt sie touchsensitiv. Man kann den Touchscreen weiterhin benutzen. An deinem Tisch kannst du also, während du einen Stift bewegst, ein Glas Wasser nimmst oder was auch immer, mit einer Fingerspitze Menüs wechseln, eine Einstellung anpassen, die Helligkeit ändern – alles. Der Touchscreen bleibt vollständig reaktionsfähig.
Nicola Damien-Deramaix:
Und vielleicht ist das eine dumme Frage, aber hast du auf deinem iPhone eine Displayschutzfolie oder ...?
Vincent Hedan:
Nie. Ich bin verrückt. Seit fünfzehn Jahren habe ich iPhones und noch nie etwas kaputtgemacht. Ich benutze keinen Code, keinen Schutz.
Nicola Damien-Deramaix:
Okay, das dachte ich mir. Ich habe mich nur gefragt – man müsste es wie alles andere testen –, wenn man bereits einen Schutz auf dem Bildschirm hätte ... würde das genauso gut funktionieren, wenn man, du weißt schon, eine ...
Vincent Hedan:
Eine Displayschutzfolie. Ah, du meinst fast eine doppelte Schicht: normaler Schutz plus Privacy Screen. Gute Frage. Das müsste man testen. Jemand im Chat soll es ausprobieren.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich scrolle wieder durch die Fragen, damit wir niemanden vergessen. Mathieu Améi fragt: Wer sind die besten Performer, die du in Mentalismus, Magie, Karten, Münzen und auf der Bühne gesehen hast?
Vincent Hedan:
In meinem ganzen Leben oder nur auf den Philippinen?
Nicola Damien-Deramaix:
Ich glaube allgemein. Allgemein – oder vielleicht diejenigen, die dich am meisten beeinflusst haben.
Vincent Hedan:
Nun, ganz am Anfang habe ich Attention Magie erwähnt. In dieser Sendung traten so viele Leute auf. Wir, die diese Reihe gesehen haben, hatten unglaubliches Glück, denn die Gäste waren äußerst renommiert. Damals wussten wir noch nicht, was aus all diesen Leuten werden würde; darunter waren spätere Champions.
Ich erinnere mich daran, sehr jung gewesen zu sein und VHS-Kassetten mit Aufnahmen dieser Sendungen zu besitzen. Ein Mann trat mindestens einmal auf, definitiv, und später wieder bei Le Plus Grand Cabaret du Monde. Das war René Lavand, ein argentinischer Magier, der leider vor einigen Jahren gestorben ist. Ich hatte nie die Gelegenheit, ihn live zu sehen.
Er lebte in der Nähe von Buenos Aires, in einer Stadt namens Tandil. Richard Kaufman schrieb drei Bücher über oder mit ihm, leider nie ins Französische übersetzt. Und wer sich erinnert: Er hatte nur eine Hand, weil er einen Arm verloren hatte. Ich will nichts Dummes sagen – ich glaube, es war der linke Arm, weil er immer die rechte Hand benutzte ... Moment, nein, ich rede Unsinn. Er hatte den linken Arm; den rechten hatte er verloren. Genau.
Er verlor den rechten Arm bei einem Autounfall in Buenos Aires. Sein Unterarm wurde auf einem Bürgersteig von einem Auto zerquetscht, als er acht Jahre alt war. Wir sprechen also von den 1900ern, 1910ern, ungefähr. Sagen wir einfach: Chirurgie in Buenos Aires um 1920 war nicht gerade unkompliziert. Man sagte ihm im Grunde: „Entweder du verlierst alles oder du verlierst den Arm.“ Also verlor er „nur“ den Arm.
Offensichtlich ist das in diesem Alter und zu dieser Zeit katastrophal, aber trotzdem wurde er ein außergewöhnlicher Magier. Eine weitere bemerkenswerte Sache an seiner Persona war, dass er sich immer weigerte, den fehlenden Arm zu zeigen.
Es gibt andere Magier wie Richard Turner, der blind ist, oder – ich habe den Namen vergessen – Mehdi irgendwas, der mit fehlgebildeten Händen geboren wurde und trotzdem Palms, Faros und völlig verrückte Kartenmanipulationen ausführen kann. Diese Performer benutzen ihre Behinderung, in Anführungszeichen, oder machen sie zumindest nicht zum Zentrum, aber zu einem integralen Teil ihrer Präsentation.
Bei René Lavand ist so auffällig, dass er sie erst am Ende enthüllt. Am Ende seiner Show erzählt er eine Geschichte über einen Mann, der vor sehr langer Zeit einen Arm verlor, Künstler wurde und so weiter. Während die Geschichte weitergeht, erkennt man langsam, dass er über sich selbst spricht. Sie endet mit: „Eigentlich bin dieser Mann ich, und danke, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, diese Geschichte zu erzählen“, und so weiter. Das ist das Finale der Show.
Er erklärte, dass er sich immer geweigert hatte, seinen fehlenden Arm zu zeigen, weil er nicht wollte, dass er die Menschen von dem ablenkt, was er präsentieren wollte. Eine äußerst interessante Entscheidung. Sie zeigt ein sehr starkes Maß an Selbstbewusstsein.
Und er war im Alltag nie hauptberuflich Magier. Sein ganzes Leben arbeitete er in einer Bank. Bei der Arbeit in der Bank trug er eine dieser Prothesenklammern, wie sie damals benutzt wurden, am Arm befestigt und durch Muskelbewegungen bedient. Dadurch hatte er im normalen Leben zwei Hände zur Verfügung. Ein paarmal versuchte er, damit Magie vorzuführen, und das Publikum starrte die ganze Zeit auf die Klammer. Das könnte in der Magie natürlich praktisch sein, weil es Aufmerksamkeit fehlleitet, aber genau das wollte er überhaupt nicht. Seine Ziele waren sehr künstlerisch.
Also dachte er: „Wir stecken die Hand – beziehungsweise den Arm – in die Tasche und erwähnen ihn nie.“ Er hoffte, dass die Leute während der ganzen Vorstellung einfach annehmen würden, es sei eine stilistische Entscheidung: „Ah, der Typ behält die Hand die ganze Zeit in der Tasche. Das ist sein Stil.“ Bis zum Ende sprach er nie darüber. Und dann dachten die Leute plötzlich: „Oh. All diese Wunder, die wir gerade eine Stunde lang gesehen haben – zusätzlich zu allem anderen hatte er nur eine Hand, um sie zu machen.“ Das hebt die gesamte Vorstellung sofort auf eine andere Ebene.
Und jenseits dieses körperlichen Merkmals war er jemand, der – vielleicht wie viele argentinische Künstler seiner Generation – eine ganz besondere Sensibilität hatte. Er ist fast ein Zeitgenosse von Jorge Luis Borges, meinem liebsten argentinischen Autor, der blind war. Offenbar sind viele Menschen mit Behinderungen um mich herum: einer ist blind, einem fehlt ein Arm, Stephen King ist blind, Hayao Miyazaki ist blind – ich bin von Leuten mit Problemen umgeben. Ich bin auch nicht perfekt.
Borges war blind. Er war ein argentinischer Autor. Ich habe Blogartikel über ihn geschrieben; sie stehen auf meiner Website, ihr könnt später nachsehen. Aber er und Lavand waren Zeitgenossen, und bei René Lavand spürt man dieselbe Sensibilität für Poesie, für die Milonga, dieses gesungene Gedicht aus dieser Kultur.
Und schaut euch die Texte an, die er benutzt. Er ist der Typ mit den Brotkrumen – drei Brotkrumen kommen in eine Tasse und kehren immer wieder zurück – und währenddessen rezitiert er ein chinesisches Gedicht. Wenn man darüber nachdenkt, ist das verrückt: „Ich mache Tricks mit Brotkrumen und rezitiere dazu ein chinesisches Gedicht.“ Völlig verrückt.
Dann gibt es seine sehr berühmte Rot-und-Schwarz-Routine, Oil and Water, bei der er sagt: „Langsamer kann man es nicht machen.“ Er wiederholt es, dann noch einmal, dann wieder, und jedes Mal wird es stärker, weil er es immer langsamer vorführt.
Seine Arbeit hat fast eine poetische Konstruktion. Das hat mich enorm inspiriert, denn wenn man so etwas mit zwölf oder dreizehn sieht, steht es in starkem Kontrast zu dem, was man vielleicht bei Earl Nelson oder in zeitgenössischer Magie findet. Und das ist interessant, weil man plötzlich denkt: „Oh, so etwas kann existieren. In diesem Feld, von dem ich dachte, ich kenne es, können andere Dinge existieren.“ Wenn man einem anderen Stil von Magie, Mentalismus oder Kunst im Allgemeinen begegnet, gibt einem das die Erlaubnis, die Richtungen zu erkunden, die einen persönlich interessieren.
Ein- oder zweimal dachte ich: „Ich würde das gern machen, aber ich kann nicht, weil niemand mit der Idee oder dem Vorschlag etwas anfangen wird.“ Haiku war genau so. Als ich Haiku zum ersten Mal entwickelte, dachte ich: „Wer interessiert sich für 1.850 japanische Gedichte in einem Buch? Ich werde alle verlieren.“ Aber überhaupt kein Problem. Wenn es Teil deiner Welt ist, funktioniert es.
Yann Frisch gab mir denselben Rat. Als meine Show in Paris Premiere hatte, kam er entweder zur ersten oder zweiten Vorstellung – ich weiß es nicht mehr – und danach sprachen wir. Ich erzählte ihm von der Show, und darin spreche ich über Hiroshima, die Atombombe und eine persönliche Geschichte, die ich erlebt habe und die mit dieser internationalen Geschichte verbunden ist.
Am Anfang war ich unsicher. Du bist Franzose, du bist weiß, du erzählst eine Geschichte über Hiroshima, und eigentlich sollst du Magie machen – was passiert hier genau? Das sagte ich Yann. Yann Frisch, jeder kennt ihn, unglaublicher Champion, außergewöhnlicher Künstler, der ebenfalls aus dem Zirkus kommt. Wieder sieht man den Einfluss anderer Disziplinen in seiner Arbeit.
Ich sagte ihm: „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt das Recht habe, so eine Geschichte auszudrücken oder solches Material auf der Bühne zu präsentieren.“ Und er antwortete: „Es ist deine Bühne. Es ist deine Show. Es ist dein Text. Du kannst machen, was du willst. Die Leute können Ja sagen, sie können Nein sagen, aber du darfst dich nicht schon beim Schreiben wegen solcher Dinge selbst zensieren. Sonst kommt es nie heraus.“
Nicola Damien-Deramaix:
Und damit kann ich direkt zu einer Frage überleiten, die ich dir stellen wollte, obwohl sie, glaube ich, schwierig sein wird. Hast du eine bestimmte Art, kreativ zu arbeiten? Ich weiß, dass dich viele Dinge beeinflussen und besonders das Kino ein großer Einfluss ist. Aber hast du tatsächlich einen kreativen Prozess – eine konkrete Art, wie du erschaffst?
Steeve Marion:
Da bin ich bei dir, Nico, denn ich hatte ungefähr dieselbe Frage zum Thema Einfluss. Wir wissen, dass du Kino liebst und dass es einen riesigen Einfluss auf deine Kreationen hatte. Sag mir, wenn ich mich irre, aber das ist mein Eindruck. Und was deine Kreativität und all deine Kreationen angeht, ist der Beitrag des Kinos wirklich etwas, das ...
Vincent Hedan:
... für all meine Kreationen wichtig war. Ja. Aber es hätte auch etwas anderes sein können. Wir erwähnten Laurent Beretta: Er ließ sich von Choreografie inspirieren, von der Beziehung zum Körper, und dadurch schuf er wunderschöne Dinge auf der Bühne. Das ist seine Inspirationsquelle. Sicher mag er auch Kino, aber für andere ist es vielleicht Musik.
Yves Carbonnier zum Beispiel ist ein sehr bekannter Kartenmagier in Frankreich und liebt Kochen. Natürlich verbindet er beides, und daraus entsteht seine eigene Welt. Yann Frisch kommt aus dem Zirkus, daher gibt es natürlich Zirkuselemente in dem, was er macht.
Bei mir ist es das Kino. Ich weiß nicht genau, warum ich schon jung darin versunken bin. Es ist nicht gerade originell – viele Menschen lieben Filme –, aber in meinem Fall wurde es unter anderem durch ein Buch von Christian Chelman verstärkt, natürlich ein sehr berühmter und kreativer Magier. In Urban Legends zitierte er in einem der Vorworte jemanden – ich weiß nicht mehr wen, ein italienischer Name –, der sagte, dass es Wahnsinn sei, sich zur Erschaffung von Magie ausschließlich von Magie inspirieren zu lassen. Das ist beinahe eine kreative inzestuöse Beziehung. Man dreht sich nur noch im eigenen Feld im Kreis und fragt: „Was mache ich als vierzehnte Version von Matrix, der Ambitious Card, diesem oder jenem?“
Vorhin sagten wir, dass man sich bei Themen und Ideen, die man vielleicht erkunden möchte, nicht selbst zensieren sollte. Aber wenn man sich diesen Themen überhaupt nie aussetzt, wie soll man sie dann erkunden?
Kino hat einen riesigen Vorteil. Es existiert kürzer als Magie und hat sich paradoxerweise trotzdem viel schneller entwickelt als wir. Und im Kino erlaubt man sich absolut alles. Sogar derselbe Regisseur kann vollkommen unterschiedliche Dinge machen.
Schaut euch Spielberg an, diesen kleinen Regisseur, der gerade erst anfängt – langsam lernen die Leute seinen Namen. Wenn man seine Filmografie anschaut, ergibt sie überhaupt keinen Sinn. Er macht einen Film über den Holocaust, einen über Dinosaurier, einen im Weltraum, einen Weltuntergangsfilm, Filme über die Geschichte des Kinos ... Den Titel dieses neueren, fast autobiografischen Films habe ich vergessen. Er veröffentlicht Arbeiten zu jedem möglichen Thema und in jedem möglichen Stil. Schwarzweiß, Farbe, Action, Minority Report, alle möglichen komplett verschiedenen Dinge.
Niemand sagt zu ihm: „Das darfst du nicht. Du darfst nur Horror oder Science-Fiction oder was auch immer machen. Warum benutzt du andere Schauspieler? Was soll das?“ Nein. Absolute Freiheit. Literatur ist genauso. Stephen King schreibt nicht nur Horror. Borges schrieb nicht nur intellektuelle Masturbation, auch wenn er das zeitweise ziemlich ausgiebig tat.
Das ist interessant, denn wenn man sich von einem Feld inspirieren lässt, das sich so viel Freiheit erlaubt, gibt es einem selbst die Erlaubnis, frei zu sein.
Und im Kino – besonders im Autoren- oder Independentkino, weil dort weniger ein Studio dahintersteht, das industrielle Produkte verlangt – sieht man Filmemacher Dinge mit Inszenierung, Schreiben und Rhythmus versuchen. Interessant ist auch, sich nicht nur dem Kino auszusetzen, sondern einem Kino, bei dem man überhaupt keinen Halt hat.
Wenn man koreanisches oder japanisches Kino entdeckt, selbst zeitgenössische Filme, fehlen einem manchmal sämtliche Bezugspunkte. Die Kultur ist völlig anders, der Rhythmus völlig anders. Ich habe japanische Filme gesehen, in denen es praktisch keine Handlung gibt. Zwei Stunden passiert irgendetwas, man hat keine Ahnung, worum es geht, und erst ganz am Ende merkt man: „Ach so. Darüber sprechen wir also seit zwei Stunden. Jetzt bekommen wir endlich die Auflösung.“ Aus unserer Perspektive verhalten sich die Schauspieler natürlich völlig merkwürdig.
Wenn solche Werke einen aus dem Gleichgewicht bringen, kann man sich fragen: „Okay, und was mache ich jetzt in meinem eigenen Feld als Reaktion darauf?“
Darüber habe ich auch auf meinem Blog geschrieben, denn manchmal ist die Schlussfolgerung fast deprimierend. Es gibt einen Animationsfilm von Isao Takahata namens Grave of the Fireflies. Ich weiß nicht, ob ihr ihn gesehen habt oder jemand im Chat. Er ist großartig. Für alle, die ihn nicht kennen, zeige ich ein paar Bilder, sonst wissen die Leute nicht, wovon wir sprechen. Wirklich unglaublich. Jeder erkennt natürlich den Titel, den japanischen Titel. Ich scrolle durch ein paar Bilder.
Er ist hart. Sehr hart. Extrem hart. Für mich war das eine Offenbarung. An das genaue Jahr erinnere ich mich nicht mehr. Ich muss achtzehn, zwanzig gewesen sein, so etwas. Ich habe den Film völlig zufällig gesehen.
In einem Juni während eines sehr heißen Sommers hatte ich Schlaflosigkeit. Vielleicht war es tatsächlich 2003. Das hilft nicht beim Schlafen. Nein, es half mir überhaupt nicht. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.
Ich schaue Fernsehen, weil ich nicht schlafen kann, sehe um drei Uhr morgens all möglichen Mist, den ich normalerweise nicht anschauen würde, und lande bei Arte. Durch unglaubliches Glück schalte ich in der allerersten Minute der allerersten Szene dieses Films ein. Ich erwische das Programm also direkt am Anfang.
Ich sehe die Bilder und bin, weil ich in Frankreich Anfang der 1990er mit französischem Fernsehen aufgewachsen bin, an Le Collège fou, fou, fou, Grendizer, Saint Seiya, all diese Sendungen gewöhnt und – wie hieß dieses Fußball-Ding noch? Vergessen. Ihr wisst, was ich meine, Captain Tsubasa, die Fußballspieler. Überhaupt nichts mit Grave of the Fireflies zu tun.
Verrückt ist, dass die Leute damals, wenn sie japanische Animation im Fernsehen sahen, meistens wohl auf TF1, weil man die Filmrollen in großen Paketen gekauft und einfach ausgestrahlt hatte, dachten: „Oh, Zeichentrick, also für Kinder.“ Wie Disney, Cap und Capper, Die Hexe und der Zauberer und all das.
Also setzten Eltern ihre Kinder davor, und alles wirkte okay, weil es keinen Sex gab, kein Problem, alles sauber genug aussah. Dadurch lernte eine ganze Generation von Erwachsenen, die ihren Kindern dabei zusah – und die Kinder selbst –, dass japanische Animation gleich Kinder, gleich dummer Kinderkram mit Fußbällen, Monstern, Robotern ist ...
Steeve Marion:
Kämpfe und so weiter.
Vincent Hedan:
Genau. Und dumme Geschichten ohne große Tiefe. Das war also meine Denkweise, weil ich Anfang der 1990er damit aufgewachsen bin.
Und dann beginnt Grave of the Fireflies. Da – das ist eine der ersten Szenen auf dem Bildschirm. Mit der berühmten Bonbondose. Da ist sie, die ikonische Dose, die man inzwischen online kaufen kann. Ich habe sie zum Verkauf gesehen. Ich habe versucht, hier eine zu bestellen, aber Lieferungen auf die Philippinen können kompliziert sein, also habe ich sie nie bekommen.
Jedenfalls beginnt der Film, und ich denke: „Okay, das Format kenne ich.“ Die Gesichter, der Animationsstil, die Zeichnung – das ist japanische Animation. Diese sehr charakteristischen Gesichter erkennt man. Also schaue ich weiter, weil mir die visuelle Sprache vertraut ist, und dann zerstört mich der Film, weil es der erste Animationsfilm ist, den ich sehe, der wirklich für Erwachsene ist.
Ich meine, die Geschichte hat Tiefe. Fast literarische Qualität. Tatsächlich basiert der Film auf einem Roman, der wiederum auf der wahren Geschichte der dargestellten Menschen beruht. Die Geschichte ist katastrophal. Sie spielt im Zweiten Weltkrieg, zwei Kinder versuchen, die Brandbombardierung Japans zu überleben. Wir sind also offensichtlich nicht mehr bei Captain Tsubasa mit einem Fußball, der aufs Tor fliegt. Das ist etwas anderes.
Der Film ist die Hölle. Ich schaue ihn, er trifft mich emotional wie ein Lastwagen, ich bin zwanzig und bleibe danach die ganze Nacht wach, weil mir klar wird, dass japanisches Animationskino erst seit ungefähr hundert Jahren existiert. Ich habe danach recherchiert. Es ist wirklich sehr, sehr jung.
Magie existiert seit mindestens fünftausend Jahren – es gibt Spuren, die möglicherweise noch weiter zurückreichen, wobei man das prüfen müsste. Und trotzdem sagen Menschen, wenn du dich in Frankreich, auf den Philippinen oder irgendwo sonst als Magier vorstellst: „Oh, du machst Kindergeburtstage.“
Magie leidet also immer noch unter demselben Stigma, unter dem japanische Animation 1990 in Frankreich wegen Captain Tsubasa und ähnlicher Sendungen litt. Nur hat es die Animation irgendwie geschafft, die Kategorie „nur für Kinder“ zu überschreiten. Heute gibt es Animation für eine fünfzigjährige Hausfrau, für Jugendliche, Rentner. Anime über Briefträger, Krieg, Geopolitik, Weltraum. Jedes Thema, das in schriftlicher Form oder im Realfilm existiert, gibt es auch als Animation.
Das war das erste Mal, dass ich mir sagte: „Okay. Ich weigere mich, weiter Magie zu machen, wenn ich mich ständig selbst begrenze und mich weigere, Gebiete zu erkunden, die normalerweise nicht als unsere betrachtet werden.“
Und wenn wir zurückkommen auf das, was wir über Christian Chelman und das italienische Zitat gesagt haben – dass wir uns nicht nur von Magie inspirieren lassen sollten, weil das inzestuös wird –, ist es dieselbe Idee. Christian Chelman, Eugene Burger, Jeff McBride und andere würden keine Bizarre Magick machen, wenn sie ihre Kreativität ständig zensierten. Irgendwann muss man sich zuerst erlauben, über die Themen zu sprechen, über die man in Bizarre Magick sprechen will.
Und wenn Kino es macht, Literatur es macht, Musik es macht ... Wenn man Bands wie Marilyn Manson hört, die Gesellschaft kritisieren, oder Rammstein oder andere, kann man denken: „Ich bin hergekommen, um zu tanzen und dumme Musik zu hören. Mit tiefgründigen Texten habe ich nicht gerechnet.“
Steeve Marion:
Es geht darum, die bestehenden Codes zu brechen.
Vincent Hedan:
Völlig. Darüber hinaus muss man erkennen, dass man vielleicht die einzige Person ist, die über ein bestimmtes Thema auf genau diese Art sprechen kann.
Jemand, der so aufgewachsen ist wie ich – ich sage nicht, dass ich besonders oder wichtiger als jemand anders bin –, aber mein kultureller Hintergrund, mein kulturelles und mentales Profil, ist wahrscheinlich schlicht deshalb einzigartig, weil ich die Person bin, die ich bin, so wie ihr die Personen seid, die ihr seid.
Wenn du dich davon abhältst, über ein Thema zu sprechen, ist das schade, weil du vielleicht der Einzige gewesen wärst, der genau so darüber gesprochen hätte. Dann wird es niemand tun. Diese Perspektive geht verloren. Sie ist weg. Sie wird nie Teil des größeren Werks, das existiert.
Entschuldigung, das war sehr, sehr lang. Aber es ist wie bei allem: Wenn zwei Magier denselben Act präsentieren, erlebt das Publikum zwei völlig unterschiedliche Dinge, weil er nicht gleich eingeführt oder erzählt wird.
Steeve Marion:
Und das ist wichtig. Da wir gerade über Kino sprechen, möchte ich dich fragen: Was ist dein Lieblingsfilm über Magie? Ich meine Magie als Thema. Es gibt The Prestige, Now You See Me und so weiter. Ich will deine Meinung.
Vincent Hedan:
Es gibt The Illu ... The Illusionist ist sehr gut. Er kam tatsächlich fast gleichzeitig mit The Prestige heraus, ungefähr parallel, während Now You See Me später kam. Sie haben alle ihre Stärken. Es gab auch ältere Houdini-Filme, die sehr gut waren.
Vor Kurzem gab es eine Serie mit Brody, glaube ich – Adrien Brody machte eine Serie. Fantastischer Schauspieler übrigens, in The Pianist, einem außergewöhnlichen Film.
Aber um deine Frage zu beantworten: Wenn ich meinen Lieblingsfilm unter Filmen über Magie auswählen müsste, gebe ich die unoriginelle Antwort: The Prestige. Und ich sage euch warum.
Erstens hat der Film unbestreitbar filmische Qualität. Er ist wirklich gut. Nicht nur: „Wir mögen ihn, weil es um Magie geht, obwohl er als Film Müll ist.“ Und dann natürlich Christopher Nolan. Ein kleiner Anfänger, der gerade loslegt. Man merkt, dass er noch herumprobiert und seinen Stil sucht.
Apropos Stil und Codes: Er hat The Odyssey gemacht – das habe ich noch nicht ... The Odyssey habe ich noch nicht gesehen, also verratet mir nichts.
Steeve Marion:
Dann sage ich nichts. Aber Nolan ist ebenfalls interessant. Er ist sehr deutlich eher von Kubrick als von Spielberg beeinflusst und gehört sozusagen zur „neuen Generation“, obwohl auch er langsam älter wird. Er hat ebenfalls einen Kriegsfilm gemacht, Dunkirk, Weltraum, Batman – riesiges Blockbuster-Spektakel, das einem den Kopf einhämmert, aber sehr, sehr gut gemacht. Ich liebe Nolans Batman-Filme übrigens. Also ja, auch er erlaubt sich, sich zu bewegen, statt nur sexy Filme oder Horror oder was auch immer zu machen.
Vincent Hedan:
Genau. Warum also The Prestige? Weil es meiner Meinung nach der Film für Nicht-Magier ist, der am genauesten zeigt, wie es sich anfühlen kann, wir zu sein.
Da ist diese gequälte Seite, ständig nach Methoden zu suchen, vielleicht untereinander zu kämpfen. Dazu die Realität, eine Show auf die Beine zu stellen: Das ist nicht leicht, kostet Geld, das Publikum kommt nicht unbedingt. Und dann diese obsessive Dimension, die alles zerstört – die Besessenheit zerstört seine Ehe, seine Freundschaften, absolut alles um ihn herum.
Darin stecken viele faszinierende Punkte. The Illusionist dagegen ist eher ein Mystery-Film mit Magie drum herum. Und eine Romanze. Nebenbei eine Romanze. Romanze. Furchtbar.
Mit Now You See Me habe ich viel größere Schwierigkeiten, weil es eigentlich überhaupt keine Magie ist. Es sind visuelle Effekte, die als Magie präsentiert werden. Aber ich erkenne einen großen Wert von Now You See Me absolut an: Der Film hat eine neue Generation für Magie begeistert.
Ich vermute, das Wiederaufleben der Magie Anfang der 2010er hängt teilweise damit zusammen. Wenn ihr euch an Got-Talent-Sendungen davor erinnert – amerikanisch, britisch, französisch, sie hängen alle zusammen, weil Produzenten Formate verkaufen, daher bekommt man ähnliche Inhalte. Komischerweise tauchten im selben Jahr plötzlich überall maskierte Magier auf. Ich frage mich warum. Reiner Zufall.
In diesen Sendungen gab es den singenden Hund, den Tänzer, was auch immer, all die Leute mit den kleinen Geschichten, die die Jury zum Weinen bringen sollten. Und schon damals gab es Magier. Aber vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren ging jedes Mal, wenn ein Magier auftrat, bei den Juroren ungefähr los: „Oh nein, nicht schon wieder ein Magier. Jetzt kommt irgendein Typ, der etwas Schreckliches macht.“ Und fairerweise war die Magie tatsächlich sehr oft kitschig und schrecklich.
Heute, wenn jemand in solchen Sendungen mit Magie auftritt – obwohl wir wahrscheinlich langsam wieder aus diesem Trend herauskommen –, ist die Reaktion anders. Tonio war dort zum Beispiel. Maurice Douda ebenfalls, obwohl sein Beitrag leider nicht ausgestrahlt wurde. Viele Leute, die wir kennen, haben das gemacht. David Stone, Jean-Luc Bertrand und so weiter.
Heute sagst du, du bist Magier, und die Jury denkt eher: „Okay, wir sind bereit für etwas Originelles und Interessantes mit Magie.“ Magie hat Legitimität gewonnen. Im Grunde beschloss man, dass Magier nicht mehr die Clowns des Formats sein sollten und einen echten Platz bekommen. Es wurde ernster.
Und Now You See Me hat dazu beigetragen. Ich habe Leute getroffen – ich sage nicht wen, weil ich sie historisch nicht datieren möchte –, die mir sagen: „Ich wusste nichts über Magie. Ich sah Now You See Me, fand es cool, dachte: Magier zu sein sieht spaßig aus, und dadurch begann meine Leidenschaft.“ Bei mir waren es Attention Magie und andere Dinge. Bei ihnen war es das.
Steeve Marion:
Lustig, denn The Prestige ist wirklich unglaublich. Bei mir ist es genauso: Ich mag Christopher Nolan und seine Filme sowieso schon, und The Prestige ist so gut konstruiert.
Vincent Hedan:
Ursprünglich basiert er auf einem Roman, den sein Bruder geschrieben hat – Jonathan, glaube ich, Nolan. Ich habe das Buch nicht gelesen, was ein ernsthafter Fehler meinerseits ist; irgendwann muss ich das nachholen.
Aber wenn du Struktur erwähnst, spürt man sie meiner Meinung nach sehr in The Prestige. Nolan spielt gern mit Zeit und zeitlicher Konstruktion, und man spürt fast eine Kapitelstruktur mit Elementen, die frühere Momente spiegeln und so weiter.
Als Film ist er aber wunderschön. Die Schauspieler sind ausgezeichnet. Hugh Jackman – normalerweise ist er nur der Igel mit Krallen – spielt hier eine ernste, interessante Rolle. Ein hervorragender Schauspieler. Scarlett Johansson bekommt ebenfalls eine sehr gute Rolle, statt nur irgendeine halbe Prostituierte in einem anderen Film zu spielen.
Besetzung, Musik, alles hat also ein sehr hohes Qualitätsniveau. Entschuldigt meine brutal anspruchsvolle Filmkritik.
Steeve Marion:
Und es passt dazu, denn weiter unten gab es eine Frage zu deinem Einsatz von Gedächtnis. Das ist ein weiteres großes Thema deiner Kreationen, und es hat auch dazu beigetragen, deinen Namen bekannt zu machen, in Anführungszeichen, denn mit Rainman hast du den ersten Preis gewonnen. Kam dieser Effekt aus dem Film? Und hast du ihn so aufgebaut, weil es damals nicht viele große Effekte zum Thema außergewöhnliches Gedächtnis gab? Zumindest in Frankreich war das damals nicht sehr verbreitet. War es wirklich der Film, der dich zu diesem Effekt inspiriert hat und dich denken ließ: „Verdammt, ich muss ...“?
Vincent Hedan:
Wenn du mit „inspiriert“ meinst, dass ich gar nichts hatte, den Film sah und plötzlich die Idee bekam – nein. Es wäre gelogen, wenn ich sagte, so sei es passiert. Aber hat mir der Film geholfen zu akzeptieren, dass Gedächtnis in Verbindung mit Spielkarten ein interessantes Thema für ein Publikum sein könnte? Ja.
Dazu gibt es noch eine kleine Geschichte, denn vorhin hast du gefragt, warum ich im Mentalismus gelandet bin, statt vorher mehr „traditionelle“ Magie zu machen, und dann sind wir auf andere Themen gekommen. Lass mich kurz zurückgehen und die Punkte verbinden, denn irgendwo in dieser Galaxie hängt alles zusammen.
Ich machte Magie, ich machte auch Mentalismus, und für mich bestand nie ein riesiger Unterschied zwischen beidem. Darüber habe ich in einem meiner Bücher geschrieben. Für mich ist alles Illusionismus: Wir erzeugen Illusionen, das Format kann sich ändern.
Also entwickelte ich diese Routine. Rain Man, der Film, war insofern ein Einfluss, als er dem Thema Gedächtnis eine besondere emotionale Sensibilität gibt. Die Figur ist sehr liebenswert – Oscar als bester Schauspieler übrigens, also haben sie das nicht gerade vermasselt.
Dann nahm ich am Wettbewerb teil – oder vorher führte ich die Routine erst im Zauberclub CAMP vor. Maurice erinnert sich. CAMP steht, wenn ich mich richtig erinnere, für Collège des Artistes Magiciens du Poitou in Poitiers. Frantz Réjasse von CC Éditions war dort, Maurice Douda, Stéphane Chenevière kommt ebenfalls aus dieser Gruppe, mit seinem Buch Altitude. Er gewann, glaube ich, 2001 ebenfalls den ersten Preis in Kartenmagie mit einem Vampir-Act. Altitude ist ein außergewöhnliches Buch voller Material.
Ich führte also die Routine im Club vor, und Frantz und Maurice sagten: „Vielleicht solltest du damit an einem Wettbewerb teilnehmen. Du solltest sie filmen und das Video an die FFAP schicken, um zu sehen, ob sie dich akzeptieren.“
Also filmte ich sie und schickte sie ein. Bei der FFAP musste man damals – ich weiß nicht, wie es heute läuft – zuerst ein Video einreichen, damit sie sicherstellen konnten, dass man nicht mit Schwammbällen, Schaumstoffpenissen und schrecklichem Unsinn ankommt. Sie haben einen also vorher per Video ausgesiebt.
Ich schickte das Video, und sie sagten: „Okay, du kannst kommen, aber nach dem, was du machst, hast du die Wahl zwischen der Kategorie Kartenmagie“ – die war eine eigene Kategorie; ich glaube, es gab Close-up, Kartenmagie, Bühne, Kinderzauberei, Sonstiges und dann Mentalismus – „also: Kartenmagie oder Mentalismus.“
Ich fragte, was praktisch der Unterschied sei. Sie sagten, Kartenmagie sei natürlich sehr kartenorientiert. In meinem Act gab es nichts außer Karten, also passte das perfekt. Das Problem war, dass der Juror für technische Schwierigkeit mir wahrscheinlich eine Null gegeben hätte, weil der ganze Sinn des Acts darin bestand, so auszusehen, als würde technisch nichts passieren. Natürlich passierten Dinge, aber ich versteckte sie. Das ist irgendwie der Sinn von Magie, aber nun ja, Wettbewerbswertung ist Wettbewerbswertung. Es bestand also ein echtes Risiko, bei Technik Punkte zu verlieren.
Sie sagten auch, ich könne ihn als Mentalismus einreichen. Das funktionierte ebenfalls, obwohl es in meinem Act um Gedächtnis ging. Ich las nicht die Gedanken von irgendjemandem. Ich las sozusagen mein eigenes Gedächtnis. Das ist etwas anderes.
Aber im Mentalismus durfte ich zwölf Minuten spielen, während Kartenmagie damals auf acht begrenzt war. Und da ich jemand bin, der viel zu viel redet – wie ihr offensichtlich seht – und langsame Routinen spielt, war das wichtig. Der Act hatte ursprünglich sechs Phasen; später habe ich ihn auf vier gekürzt. Ich dachte: „Zur Sicherheit, und weil das eher mental als fingerfertigkeitsbasiert ist, starten wir im Mentalismus.“
Ich führte ihn auf und gewann – punktgleich mit dem einzigen anderen Teilnehmer der Kategorie in diesem Jahr. Von da an bekam ich gewissermaßen das Etikett Mentalist. Wenn man einen Preis in, ich weiß nicht, Turnen oder Speerwurf gewinnt, gewinnt man innerhalb einer Kategorie, und danach verbindet man dich mit dieser Kategorie.
So landete ich beim Etikett Mentalismus, obwohl es in meinem Buch Amnesia Routinen über Falschspiel, Illusionsroutinen und so weiter gibt. Ungefähr so kam ich dahin.
Gedächtnis interessiert mich, aber ich sehe mich nicht als Gedächtnisexperten wie beispielsweise Vincent Delourmel oder Benoît Rosemont. Sie kennen Gedächtnis wirklich und praktizieren es. Rosemont kannte unter anderem Charles Barbier sehr gut. Ich habe ihn ebenfalls getroffen – ein sehr netter Mann, der Demonstrationen mit ewigem Kalender und Ähnlichem machte.
Diese Leute wissen, wovon sie sprechen, wenn sie über Gedächtnis reden, denn es ist wirklich ihr Gebiet. Sie benutzen echte Gedächtnismethoden. Ich tue nur so. Ich erschaffe Illusionen von Gedächtnis mit Pi Max, mit Memorized-Deck-Routinen und so weiter.
Steeve Marion:
Aber genau das ist interessant. Und andererseits stimme ich dir zu, dass wir in der Magie vielleicht manchmal zu stark kategorisiert werden. Sobald man in einer Kategorie steckt, kann es sehr schwierig werden, da wieder herauszukommen.
Ich weiß nicht mehr, mit wem wir darüber gesprochen hatten, aber jemand erzählte uns, dass er seine Show auf Websites für Künstlerbuchungen einstellen wollte und niemand wusste, in welche Kategorie man sie stecken sollte, um sie zu verkaufen. Ich frage mich, ob Clément uns das erzählt hat. Ich glaube, es war Clément.
Vincent Hedan:
Und wieder kann die Antwort von außerhalb der Magie kommen. Zurück zu dieser Idee, keine inzestuöse Beziehung mit unserem eigenen Feld zu haben.
Schaut auf Musik. Dort ist es offensichtlich. Manche Bands machen nur Rock. Rammstein macht keine klassische Musik. Marilyn Manson hat ein wenig Instrumentales gemacht, aber schaut euch Queen oder Radiohead an. Radiohead erlaubt sich elektronische Musik, Rock, Balladen, Klavier auf einem Dachboden mit nichts außer akustischem Klang. Es ist ihnen egal. Ihre Haltung ist im Grunde: „Unser Stil sind wir. Wir sind Radiohead. Du kommst zu uns, und wir zeigen dir, was wir dir zeigen wollen.“
Oder Bob Dylan. Bob Dylan ist interessant. Er ist heute uralt – offenbar höre ich alte Sachen –, aber es gibt eine Geschichte über ihn, die ich faszinierend finde. Er spielte Country, Blues und Ähnliches, stark inspiriert von schwarzen amerikanischen Musikern seiner Zeit, und er war sehr gut darin. Großartig. Dadurch baute er sich ein kleines Publikum auf – ein „kleines“ Publikum, das riesig wurde.
Dann sagte er eines Tages im Grunde: „Mir ist langweilig. E-Gitarre.“ Er fing an, in Konzerten E-Gitarre und Rock zu spielen. Bei den ersten Shows, bei denen er mit einer E-Gitarre auf die Bühne kam, buhten die Leute, weil sie dachten: „Nein. Ich habe neunzig Dollar bezahlt, um dich Balladen mit einem Strohhalm im Mund und einer Akustikgitarre in der Hand singen zu hören. Deine E-Gitarre ist mir scheißegal.“
Und seine Antwort war im Grunde: „Nein, nein. Du bist nicht hier, um zu hören, was du hören willst. Du bist hier, um zu hören, was ich dir anbieten will. Das ist der Deal.“
Ich gehe nicht zu tief hinein, weil das ein riesiges Thema ist, aber ich lade die Leute ein, auf meinem Blog nach „Chancel“ zu suchen – C-H-A-N-C-E-L. Jacques Chancel war ein französischer Fernsehmoderator. Ich habe ihn nie live gesehen, weil ich zu jung bin, aber er hatte eine interessante Idee. Er sagte – ich paraphrasiere –, man solle dem Publikum nicht geben, was es bereits weiß, dass es will. Man soll den Menschen geben, von dem sie noch nicht wissen, dass es ihnen gefallen wird.
Für ihn war der Zweck des Fernsehens nicht einfach, die Menschen mit demselben Brei zu füttern, den sie erwarteten, damit sie den Fernseher einschalten, genau das bekommen, was sie erwartet haben, und das Gefühl haben, für ihr Geld das Erwartete erhalten zu haben. Es ging auch um Wecken oder Entdecken: „Wir zeigen ihnen Dinge, von denen wir glauben, dass sie ihnen gefallen werden, weil sie den kulturellen Hintergrund und die Lust dafür haben, aber sie wissen es noch nicht. Sie sind ihnen einfach noch nicht begegnet.“
Ich glaube, dieselbe Erlaubnis können wir uns in der Magie geben, und ich bin bei Weitem nicht der Einzige. Wenn Christian Chelman Bizarre Magick für Menschen vorführt, die so etwas nie gesehen haben, sagen sie: „Oh, das ist also auch Magie. Diese andere Art von Magie existiert ebenfalls.“
Nicola Damien-Deramaix:
Übrigens habe ich gerade Vincents Blog mit all den Artikeln direkt in die Kommentare gesetzt.
Vincent Hedan:
Ja, und er ist kostenlos. Es gibt ungefähr zweihundert Artikel, sowohl Videos als auch Texte.
Steeve Marion:
Und wenn wir die Aufzeichnung posten – wenn Nicola sie postet –, nehmen wir auch alle Links zu deinem Shop, all deinen Kreationen, deiner Website und so weiter auf. Das machen wir systematisch, und morgen setzen wir alle Links wieder dazu.
Nicola Damien-Deramaix:
Mach weiter, Nico – nun, ich wollte nur sagen, wenn wir ein bisschen zurückkommen ... Ach ja, David Ethan erwähnte Le Grand Échiquier von Jacques Chancel. Ja, genau.
Ich wollte sagen: Da wir wieder bei deinen Kreationen sind, sollten wir vielleicht ein wenig über die neueste sprechen. Höchste Zeit, das Simon erwähnt hat, war eigentlich die vorletzte. Die neueste ist Mental Theater.
Vincent Hedan:
Höchste Zeit war nicht gerade ein Nischenbuch, aber wenn man die Uhr nicht besitzt, ist das Buch nutzlos. Natürlich richtete es sich also an eine begrenzte Zahl von Menschen.
Ich hatte angefangen, viele Routinen für bestimmte elektronische Werkzeuge zu sammeln – zum Beispiel den Illuminati-Drucker, dann den Würfel, dann die Uhr. Bei der Uhr war das die erste Kategorie, bei der ich das Gefühl hatte, die Anzeige sei endlich voll: „Okay, jetzt habe ich genug Routinen, um ein Buch zu rechtfertigen.“ Also habe ich es im Mai veröffentlicht.
Fast unmittelbar danach begann ich an Mental Theater zu arbeiten, das seltsamerweise – oder vielleicht auch nicht – mit vielen Themen zusammenhängt, über die wir gerade gesprochen haben. Es gibt einen filmischen Einfluss. Ich spreche über die Show, die ich in Paris gespielt habe. Das Buch enthält den Eröffnungseffekt – was wir auf Englisch Opener nennen würden –, den einleitenden Effekt aus meiner Show. Es ist eine Routine über Glück.
Und in meiner Show spreche ich über Hiroshima. Also erzähle ich eine Geschichte. Ich fasse sie sehr schnell zusammen, weil sie außergewöhnlich ist, und die Leute können auf Netflix nachsehen. Es gibt einen Dokumentarfilm über diesen Mann, und er hat eine Wikipedia-Seite; inzwischen ist er ziemlich bekannt.
Sein Name ist, wenn ich mich nicht irre, Tsutomu Yamaguchi. Wenn ich nur den Namen sage, weiß niemand, wovon ich spreche. Er war Ingenieur, Anfang zwanzig im Jahr 1945, und reiste herum, um technische Probleme zu lösen und solche Arbeiten zu erledigen.
Am 6. August 1945 war er beruflich in Hiroshima. Es war nicht seine Heimatstadt; er war einfach für seine normale Arbeit dort. Nur explodierte am 6. August 1945 um 8:15 Uhr die Atombombe über Hiroshima und zerstörte alles im Umkreis von Kilometern. Fast nichts überlebte. Gebäude wurden ausgelöscht. Ich habe Hiroshima viele Jahre später besucht, und dort stehen immer noch Ruinen als Mahnmale.
Tsutomu war einige Kilometer von der Explosion entfernt – die genaue Entfernung weiß ich nicht mehr. Er war nicht direkt am Ground Zero, aber er bekam die volle Druckwelle ab. Sein ganzer Körper war verbrannt, durch die Explosion war er vorübergehend blind. Seine Kleidung wurde entweder vom Körper gerissen oder schmolz in die Haut. Man muss sich diesen Albtraum vorstellen. Hiroshima war katastrophal. Die Menschen haben das teilweise vergessen, glücklicherweise in gewisser Weise, weil es so lange her ist.
Er überlebte und schaffte es nach Hause. Zwei Tage später kam er zu Hause in Nagasaki an. Am 9. August 1945 explodierte die zweite Atombombe über Nagasaki und zerstörte auch diese Stadt. Die Vereinigten Staaten wollten demonstrieren, dass der erste Abwurf kein Zufall gewesen war und sie technisch in der Lage waren, das zu wiederholen.
Tsutomu bekam also eine zweite Atombombe auf sich – und überlebte wieder, was völlig irre ist. Er wurde über neunzig und wurde ein bedeutender Aktivist gegen Atomwaffen: Kernkraft zur Energiegewinnung, aber keine Atomwaffen. Japan selbst lehnte nach Hiroshima und Nagasaki Atomwaffen ab. Man kann sich vorstellen, dass das Verkaufsargument schwierig gewesen wäre, nachdem die Bevölkerung sie bereits zweimal erlebt hatte.
Seine Geschichte ist außergewöhnlich, weil er zu einer extrem kleinen Gruppe gehört. Die japanische Regierung hat das untersucht, und es gab buchstäblich nur eine Handvoll Menschen – ungefähr sechsundfünfzig –, die durch historischen Zufall nacheinander beiden Bombardierungen ausgesetzt waren.
Die Frage, die ich in der Show stelle – denkt daran, das ist ganz am Anfang der Show; ich eröffne mit zwei Atombomben –, lautet: Hatte Tsutomu Pech, weil er zwei vollkommen unwahrscheinliche Atomexplosionen erlebte? Die Wahrscheinlichkeit, genau in dieser Konstellation zu sein, wirkt unmöglich. Oder hatte er Glück, weil er beide überlebt hat?
Das ist das ultimative Beispiel für das halbvolle oder halbleere Glas. Man kann die eine Interpretation nicht ohne die andere haben, nur sind beide Seiten katastrophal.
Man muss außerdem verstehen, dass viele Menschen sogar einen einzelnen Atombombenabwurf überlebt haben. Es gab gewaltige Opferzahlen, aber auch viele Überlebende. Trotzdem war ihr Leben danach oft zerstört, weil jeder wusste, was ihnen passiert war. Man sah Spuren an ihren Körpern, sie hatten entsprechende Krankenakten. Menschen wollten sie nicht heiraten, anfassen oder mit ihnen arbeiten, weil sie dachten: „Du wurdest von der Bombe getroffen.“
1945 gab es in Japan noch viel magisches Denken: „Vielleicht stecke ich mich an. Wir wissen nicht, was passiert.“ So wurden Überlebende zu Unberührbaren – buchstäblich unberührbar.
Was ist das also für ein Leben? Hältst du dich für unfassbar glücklich oder unfassbar unglücklich? Du lebst, hast Kinder, ein Leben, wirst schließlich berühmt. Es ist extrem kompliziert.
Nach dieser Einleitung führen wir eine Routine über Glück vor. Genau diese Routine wird im Buch erklärt. Und in Mental Theater erkläre ich, dass man die Hiroshima-Geschichte absolut nicht erzählen muss, wenn man die Routine vorführt. Sie ist nur eine Art einleitende Geschichte, die das Konzept einführt. Danach kann man entscheiden, ob man sie verwenden möchte oder nicht.
Auf dieselbe Weise enthält das Buch eine Geschichte über meinen Großvater André, meinen Großvater väterlicherseits. Diese Geschichte war ewig in meinem Kopf, und ich wagte nie, daraus einen Effekt zu machen, weil ich ständig an meine Familie und an Menschen dachte, die Ähnliches erlebt hatten.
Zurück zum Zweiten Weltkrieg: Mein Großvater war Hauptmann in einer Militäreinheit, die zu den ersten französischen Kriegsgefangenen gehörte. Sie hatten Pech – wieder das Thema Glück. Sie gingen für eine Übung in den Wald nahe ihrem Lager, nicht weit von der deutschen Grenze. Sie hatten praktisch Holzgewehre; es war ungefähr: „Gehen wir in den Wald und schauen, ob wir zwei Tage überleben können.“
Dann bogen sie um einen Busch und direkt vor ihnen standen deutsche Soldaten – die Nazis. Hände hoch, und ab ging es ins Kriegsgefangenenlager. Zum Glück kein Konzentrationslager, aber deutsche POW-Lager waren trotzdem kein Ferienlager.
Er landete sehr weit weg, ich glaube in der Nähe von Düsseldorf auf der anderen Seite Deutschlands. Dort überlebte er unter katastrophalen Bedingungen, von denen er uns später erzählte.
Und nichts davon kann man vorhersehen. Du gehst nach Saint-Cyr, an die Militärakademie, bist zweiundzwanzig, verpflichtest dich mit großen Idealen deinem Land – und ganz am Anfang des Kriegs wirst du wie ein Idiot gefangen genommen und verbringst fünf Jahre in einem Lager. Irgendwann denkst du wahrscheinlich: „Vielleicht war meine Berufswahl nicht optimal.“
Ich erzähle diese Geschichte im Effekt und bitte die Menschen im Publikum, die Blöcke – die Bausteine – seiner Geschichte in die richtige Reihenfolge zu bringen. Dann entdecken wir, ob die Chronologie Sinn ergibt, und daraus wird eine Möglichkeit, die Menschen dazu zu bringen, über die Chronologie ihres eigenen Lebens nachzudenken.
Nicola Damien-Deramaix:
Es ist wirklich ... Ich persönlich habe dein neuestes Buch geliebt. Da steckt ehrlich gesagt sehr viel drin. Es gab eine Frage dazu: Jemand fragte mich, ob es gewissermaßen in derselben Linie wie Ihr Geist ist mein Spielplatz steht.
Denn wenn man all deine Kreationen betrachtet, hast du, wie du gesagt hast, Material über außergewöhnliches Gedächtnis, dann Tarot – worüber wir vielleicht später noch sprechen – mit The Devil’s Tarot, das ebenfalls wirklich fantastisch ist. Dann Routinen wie in Ihr Geist ist mein Spielplatz und Booktests und so weiter. Da du all Vincents Bücher gelesen hast, könntest du die Frage beinahe selbst beantworten.
Für mich lautet die Antwort eindeutig ja: Es hat denselben Geist. Offensichtlich wolltest du es nicht Ihr Geist ist mein Spielplatz 4 nennen. Aber für Leute, die sich fragen, weil du auch das Buch über die verbundene Uhr veröffentlicht hast und viele verschiedene Themen berührst, wurde mir diese Frage gestellt, also gebe ich sie weiter.
Vincent Hedan:
Nein, die Frage ist völlig berechtigt. Wenn man ein Buch wie Multitude, Amnesia oder Rainman nimmt, befindet man sich stark in der Kartenmagie, und das spricht ein bestimmtes Publikum an. Das Uhrenbuch hängt klar von einem bestimmten Requisit ab und ist in diesem Sinne fast absichtlich selektiv.
The Devil’s Tarot ist ähnlich. Das Requisit selbst ist normal, aber wenn man Tarot nicht mag, ist das Buch offensichtlich nichts für einen. Oder wenn man sich mit dem Thema nicht wohlfühlt – darüber können wir später sprechen.
Aber Ihr Geist ist mein Spielplatz, die dazugehörige Trilogie und Mental Theater stehen absolut in derselben Linie.
Die Idee ist, dass ich diese Effekte nicht in erster Linie beschreibe, um zu sagen: „Schaut, wie brillant die Methode ist“, obwohl die Methoden äußerst solide und oft extrem einfach sind. Normalerweise sind es Papier-und-Bleistift-Methoden oder Dinge, die man zu Hause bauen kann – sehr geradlinig, im Sinne von leicht herzustellen. Wir sprechen nicht über Stunden und Stunden Bauarbeit.
Ich hatte Leute, die das Buch bekamen und mir zwei Tage später Fotos der Umschläge schickten, die sie für den André-Effekt gebaut hatten. Man kann sie sofort bauen, überhaupt kein Problem.
Steeve Marion:
Genau. Nico, das Erste, was du mir gesagt hast, war: „Die erste Routine ist unglaublich.“ Ohne zu viel zu verraten: Die erste Routine im Buch ist die mit den Postkarten, richtig?
Vincent Hedan:
Methodisch steckt fast nichts dahinter. Du druckst die Postkarten aus, bist bereit, und hast einen großartigen Effekt.
Nicola Damien-Deramaix:
Danke. Es stimmt, dass wir beide das Thema Reisen und all das sehr mögen. Und ehrlich gesagt: Für alle, die das Buch nicht haben, allein diese Routine ist den Kauf des Buches wert. Wirklich.
Vincent Hedan:
Nein, aber ernsthaft – ja, schamlose Werbung. Um deine Frage zu beantworten: Die Verbindungen entstehen ungefähr so.
Du hast es bemerkt, weil du die Bücher gelesen hast, und du kannst mir sagen, falls ich mir das einbilde, aber in der Ihr-Geist-Trilogie und in Mental Theater geht es darum, sich von echten oder erfundenen Geschichten inspirieren zu lassen – von etwas anderem als: „Hier ist meine vierzehnte Version des Sack’s Dice Trick“ oder was auch immer. Thematisch etwas Originelleres.
Das bedeutet auch, dass einige Geschichten in meinen Büchern meine Geschichten sind. Die Hiroshima-Geschichte kann jeder erzählen. Aber die Geschichte über meinen Großvater – im Buch erkläre ich, dass man natürlich nicht Fotos meines Großvaters nehmen und dieselbe Geschichte erzählen sollte. Das wäre verrückt, außer man ist ein außergewöhnlicher Schauspieler und kann sie richtig interpretieren.
Aber vielleicht hat jemand in deinem eigenen Leben – ein Großelternteil, ein Freund, ein Kollege – eine unglaubliche Geschichte. Menschen erkennen oft nicht, dass es um sie herum völlig außergewöhnliche Geschichten gibt, und benutzen sie nie. Mir fallen sofort Beispiele ein, aber ich möchte uns nicht gleich wieder ablenken. Wir können später darauf zurückkommen.
Also diese Idee: Wovon lässt du dich inspirieren, und wie kann eine Inspiration, die scheinbar nichts mit Magie zu tun hat, zu einem magischen Erlebnis für ein Publikum werden?
Im Buch gibt es außerdem eine sehr starke partizipative Dimension. Sehr wenige Effekte sind Dinge, die du jemandem antust. Die meisten sind Dinge, die du mit jemandem machst. Die Teilnehmer sind stark am Ablauf beteiligt und verkörpern manchmal sogar den Helden der Geschichte.
Es gibt Effekte, bei denen ich fast gar nicht da sein müsste. Beim Früchte-Effekt zum Beispiel bin ich im Grunde nur Moderator. Die Teilnehmer sind diejenigen, die verhindern, dass alle anderen sterben. Das ist ziemlich interessant.
Auch methodisch gibt es Verbindungen. Bella Ciao, ein anderer Postkarten-Effekt aus der Trilogie: Ich habe seine Methode genommen und auf etwas anderes übertragen.
Es gibt Methoden, die ich wirklich mag, weil sie billig, zuverlässig, fast gedankenlos anzuwenden und offensichtlich in der Bedienung sind. Und man kann sie auf andere Dinge übertragen, weil sich die Geschichte ändert und die Requisiten eine andere visuelle Identität annehmen.
Also ja, es gehört zur selben allgemeinen Linie. Ich würde nicht direkt sagen, es sei ein Buch „für Anfänger“, aber – sagt mir, wenn ich mich irre – ich glaube nicht, dass es echte technische oder mentale Barrieren gibt, um das Material vorzuführen.
Danach gibt es, wie wir immer sagen, viel Arbeit an der Präsentation. Arbeit gibt es immer irgendwo.
Und damit beantworte ich fast eine Kritik, die ich nie mochte, weil sie mir so bedeutungslos erscheint: Menschen, die sagen: „Das Wichtigste ist die Präsentation.“ Oft sagen sie das, um nichts Technisches lernen zu müssen.
Steeve Marion:
Ja, ja. So nach dem Motto: „Warum sollte man Faros lernen?“
Vincent Hedan:
Genau. „Wenn du richtig präsentieren würdest, könntest du einfach einen Self-Working-Trick machen.“ Und seltsamerweise, wenn man denselben Leuten einen Self-Working-Trick gibt, sie auf eine Bühne stellt und sie bittet, tatsächlich Theater zu spielen, meldet sich plötzlich niemand.
Also ja, ich sage gern, dass die Präsentation das Wichtigste ist. Das stimmt. Aber eben: Ein Mindestmaß an Arbeit ist immer nötig.
Und wie wir vorhin über soziale Netzwerke sagten, muss heute alles schnell gehen, Menschen sofort packen und so weiter. Das ist eine weitere interessante Dimension.
Wie hieß er – war es nicht Oseland? Ein junger englischer Magier, der ein Buch über Magie für soziale Netzwerke veröffentlicht hat. Ach, den Namen kenne ich, aber egal, ich habe ein Buch über Magie und visuelle Magie übersetzt. Sie schickten mir das Übersetzungsprojekt und ich sah: „Magie für soziale Netzwerke, auf einem Telefon“, all die Dinge, die ich persönlich hasse.
Dann las ich das Buch, und wieder war es der Beweis, dass man sich nicht zu schnell verschließen sollte. Man merkt, dass der Typ wirklich tief über sein Thema nachgedacht hat.
Das erinnert mich auch an eine Anekdote über Dan und Dave, die Buck-Zwillinge. Amerikanische Zwillinge, die viel – wie hieß das noch? – Cardistry machten, all dieses Jonglieren mit Karten und Decks. Wieder das genaue Gegenteil von dem, was ich mache.
Sie gaben ein Interview mit – ich weiß nicht mehr wem, vielleicht damals Theory11 – und sagten etwas, das mich wirklich getroffen hat.
Normalerweise, wenn ein Magier an einen Tisch kommt und Menschen trifft, dauert es mehr als zwei Minuten, bevor das Publikum wirklich versteht und erlebt, dass diese Person Magier ist. Erst „Hallo“, dann beginnt der Effekt, dann das Verfahren – das oft langweilig ist –, und erst am Ende kommt man zu: „Ta-da, tatsächlich ist etwas passiert.“
Dan und Daves Gegenargument war: „Wir brauchen fünf Sekunden.“
Weil das, was sie machen, so explosiv, visuell und unmittelbar ist – ein Kartenwechsel, ein extrem schneller Ambitious-Card-Moment, ohne überhaupt eine Karte auszuwählen und so weiter –, brauchen sie viel weniger Zeit, bis die Leute die „Visitenkarte“ ihrer Arbeit verstehen.
Man könnte also absolut dieses Feld studieren – Social-Media-Magie mit einem extrem schnellen visuellen Hook oder das, was Dan und Dave machen – und denken: „So öffne ich am Anfang die Köpfe der Menschen. Und wenn sie mir danach etwas Vertrauen, Zeit und Respekt gegeben haben, können wir vielleicht in etwas Längeres gehen.“
Ich glaube, das ist ein Problem, das wir als Magier alle haben.
Etwas Ähnliches erlebte ich vor nicht allzu langer Zeit – nun ja, inzwischen eine Weile her – mit einem Buch von Ben Earl, denn ich liebe Ben Earls Arbeit. Als ich das Buch zum ersten Mal bekam und las, dachte ich: „Ja, vielleicht ist das ein bisschen zu einfach.“
Dann liest man es ein zweites Mal und nimmt sich wirklich Zeit, die Konzepte zu analysieren, die er beschreibt, und denkt: „Das ist unglaublich einfach – aber mach es vor echten Menschen, und es ist irre.“
Und ich meine das nicht böse, aber manchmal quält man sich mit absurd komplizierten Dingen. Ich sage nicht, dass Ben Earl untechnisch ist; er ist ein herausragender Kartentechniker. Aber manchmal arbeitet man unglaublich hart an kompliziertem Material, während er etwas sehr Einfaches anbietet, und beim ersten Mal denkt man: „Eigentlich versteht er genau, was seine Magie braucht.“
Er hat vieles von dem, was er macht, auch wirklich – wie heißt das auf Französisch? – gestrafft. Verfeinert, auf seine einfachste Essenz reduziert. Ich weiß das, weil ich sein Buch Less Is More durchgearbeitet habe, ich glaube, so heißt es. Den französischen Titel kenne ich nicht.
Er nimmt etwas, entwickelt es, vereinfacht es, vereinfacht es, vereinfacht es, bis nur noch die reine Essenz bleibt.
Und damit kommen wir kurz zu René Lavand zurück, denn es gibt eine Passage, die man wahrscheinlich online findet – sie lief bei Le Plus Grand Cabaret du Monde –, und einen Satz, den er oft benutzte. Wahrscheinlich gibt es ihn auf YouTube. Er sagte: „Es gibt einen Unterschied zwischen Simplismus und Einfachheit.“
Das klingt etwas literarisch, ist aber wesentlich.
Simplismus bedeutet, etwas auf Kosten des Verständnisses, auf Kosten der Qualität zu vereinfachen. Es wird fast dumm, weil man es auf das Niveau herunterstuft, auf dem man sein Publikum – oder sich selbst – vermutet.
Einfachheit ist etwas anderes. Etwas kann einfach und schön sein. Das sieht man in japanischer Malerei, Picasso hat es ebenfalls gemacht, und man sieht es im Schreiben.
Borges – ich verbinde schon wieder alles miteinander, entschuldigt – hat ebenfalls darüber gesprochen. Ich glaube, die Lecture ist online. Ich habe sie vor Jahren gekauft. Er hielt 1980, drei Jahre vor meiner Geburt – ich war also etwas zu spät –, am Collège de France eine Lecture.
Und er hielt sie auf Französisch, weil dieser Verrückte sechs Sprachen fließend sprach, obwohl Spanisch seine Muttersprache war. Die Lecture ist unglaublich; darin gibt es wunderbare Dinge.
Er erklärt, dass er schon als junger Mann – fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig – schrieb und bereits Anerkennung bekam, weil er aus einer Schriftstellerfamilie stammte. Er schrieb sehr gut, aber je älter er wurde, desto stärker vereinfachte er seine Sprache.
Und wenn man seine frühen Texte liest, ist das offensichtlich. Es gibt Pléiade-Ausgaben oder kleine Taschenbuchsammlungen. Manche frühen Kurzgeschichten sind fast unverständlich. Er benutzt extrem anspruchsvolle Wörter, und die Ideen sind monströs komplex. Ich habe mir beinahe das Gehirn zerrissen, um ihn zu verstehen.
Er ist einer der wenigen Autoren, die ich nicht auf Englisch lesen kann. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber bei Borges muss ich die französische Übersetzung lesen. Sonst reiße ich mir irgendwann die Augenbrauen aus. Unmöglich.
Aber mit zunehmendem Alter wird sein Vokabular immer einfacher. Jemand im Publikum bemerkte das und fragte ungefähr: „Warum wird dein Wortschatz ärmer, je älter du wirst? Was passiert da?“
Und Borges sagte: „Weil ich nicht möchte, dass die Menschen den Akt des Lesens verlassen.“
Er wollte, dass die Menschen in seinem Werk bleiben. Wenn man alle zwei Sekunden ein Wörterbuch herausnehmen oder jemanden fragen muss: „Was bedeutet der Absatz, den ich gerade gelesen habe?“, befindet man sich nicht mehr in der Emotion oder im Verständnis dessen, was der Autor vermitteln will.
Wieder ist das eine verheerend starke Idee, denn man beginnt zu denken: Vielleicht können wir unsere Verfahren vereinfachen. Vielleicht können wir unsere Anweisungen vereinfachen.
Wie viele Magier sehe ich, die einem Zuschauer dieselbe Anweisung dreimal wiederholen, und keine der drei Fassungen ist gleich formuliert ... Entweder sind alle drei schlecht, oder eine ist gut und die anderen beiden sind überflüssig. Man muss dieselbe Sache nicht dreimal sagen.
Wenn deine Anweisung richtig geschrieben, einmal ausgesprochen, sofort verstanden und im richtigen Moment platziert ist, wiederhole dich nicht. Es ist nutzlos.
Entschuldigung, falls das etwas brutal klingt.
Steeve Marion:
Nein, du hast vollkommen recht.
Vincent Hedan:
Wenn man Theater macht, gibt es auch diese Vorstellung von einem Text, der geschrieben und auswendig gelernt wurde. Das bedeutet nicht, dass er für immer eingefroren ist und Staub sammelt. Aber wenn ich Rainman vorführe, ist es geschrieben. Ich habe es vorher geprobt. Ich habe meinen Text auswendig gelernt.
Das Komplizierte ist, dass ein Zuschauer beteiligt ist. Das ist eine der Schwierigkeiten der Magie. Du schreibst deinen Text, gehst auf die Bühne, und die Ereignisse laufen nicht genau so ab, wie du sie geschrieben hast.
Es gibt immer ein gewisses Maß an Improvisation, das man beherrschen muss. Man muss wissen, wie man mit Lücken oder flexiblen Zonen schreibt, in denen man denkt: „Okay, wahrscheinlich gehen die Leute in diese Richtung. Darauf bereiten wir uns vor. Vielleicht brauche ich mehrere mögliche Outs.“
Aber wie viele Leute sehe ich, die in einer Bühnenshow ihren gesamten Text improvisieren ... Wenn du Cocktails machst und niemand dir vorher die Bedingungen erklärt hat, kannst du natürlich ein bisschen freestylen. Aber wenn du eine echte Show spielst, absolut alles improvisierst – und nicht gut darin bist –, ist das bedauerlich.
Steeve Marion:
Ja, absolut.
Nicola Damien-Deramaix:
Und bevor ich es vergesse: Es gab noch andere Fragen. Ja, die Frage zur Elektronik. Aber Moment, davor war noch eine. Eine, die ich interessant fand: Wie hat dein Einsatz künstlicher Intelligenz deine Magie beeinflusst oder verändert?
Vincent Hedan:
Darauf hatte ich keine Antwort vorbereitet. Nicht dass ich für alles andere Antworten vorbereitet hätte, aber das ist das erste Mal, dass mir jemand diese Frage stellt, daher habe ich das Thema noch nicht hundertmal in meinem Kopf durchgekaut.
Eine einfache Antwort wäre technisch.
Heute gibt es Werkzeuge, die früher einfach nicht existierten und vollständig auf künstlicher Intelligenz beruhen. Es gibt keine andere praktische Möglichkeit, dasselbe zu tun. Bei anderen Werkzeugen kann man manchmal auf analoge oder „Old-School“-Methoden zurückgehen, in Anführungszeichen.
Ein Beispiel – ich kann es nicht zeigen, weil es sowieso nicht mir gehört, also egal – ist, wenn Leute die PeekSmith-App oder MysterSmith benutzen, die App, die ich bis vor Kurzem verwendet habe. MysterSmith ist ausgezeichnet. Sie stammt von Benke Smith, einem brillanten und unglaublich netten ungarischen Entwickler, der wunderbare Dinge baut.
Unter anderem hat sie Spracherkennung. Spracherkennung selbst kann noch ohne KI gemacht werden, weil sie lokal auf dem Telefon läuft. Ein Beispiel.
Stellen wir uns vor, wir haben die Uhr und das Telefon. Mein bevorzugtes Setup wäre auf der Bühne: Ein Mikrofon speist das Telefon, das Telefon selbst ist außerhalb der sichtbaren Inszenierung versteckt. Oder du sitzt in einem Café und dein Telefon liegt auf dem Tisch. Persönlich finde ich das schade, aber es ist ein mögliches Setup.
Also: Uhr, Mikrofon oder kein Mikrofon, und Telefon.
In der App schaltet man die Spracherkennung ein. Sie läuft lokal auf dem Telefon, also ist es auch ohne Internetverbindung kein Problem. Man stellt das Telefon so ein, dass es dem Gesprochenen zuhört und darin den Moment erkennt, in dem entweder du oder die Person, mit der du sprichst, eine bestimmte Uhrzeit erwähnt.
Zum Beispiel bittest du jemanden, von der Geburt seines Kindes zu erzählen, oder davon, wann er heute Morgen für die Arbeit aufgestanden ist, oder von irgendeiner anderen bedeutungsvollen Uhrzeit in seinem Leben.
Hier kommt KI ins Spiel. Ohne KI müsstest du den geschriebenen Text manuell durchsuchen, die Uhrzeit selbst erkennen und sie danach manuell an die Uhr schicken.
Mit KI kannst du völlig freihändig ein natürliches Gespräch mit jemandem führen. Die Uhrzeit wird gehört und transkribiert, dann erkennt das System: „Okay, im Transkript steht 9:15. Das sieht aus wie eine Uhrzeit“, und zack, 9:15 wird an die Uhr gesendet. Fertig.
Ebenso kann man mit MysterSmith, verbunden mit einem Drucker – mit meinem Drucker funktioniert es zumindest meiner Erfahrung nach nicht besonders gut –, aber mit der Schreibtafel von Electricks, dem Spirit Echo, das ich hier habe, dasselbe mit Text tun.
Man könnte dem Telefon sagen: „Hör der Geschichte zu, die diese Person erzählt.“ Dann fragst du: „Wen hast du heute getroffen? Nenne mir die Person, die dich heute am meisten zum Lachen gebracht hat“, zum Beispiel.
Die Person sagt: „Nicola hat mich zum Lachen gebracht“ oder „Steeve hat mich zum Lachen gebracht.“ Das System hört Nicola, hört Steeve, erkennt beides als Namen und schickt die beiden Namen, damit sie handschriftlich auf die Echo-Tafel oder in irgendein anderes Vorhersageformat geschrieben werden.
Dasselbe kann man ohne künstliche Intelligenz schlicht nicht auf diese Weise machen, es sei denn, jemand steht hinter der Bühne und erledigt alles manuell für dich. Ich arbeite allein, also verlasse ich mich auf solche Werkzeuge.
Und das knüpft an Simons frühere Frage an: Benutze ich abgesehen von der verbundenen Uhr noch andere ...
Nicola Damien-Deramaix:
... verbundene oder elektronische Produkte in deinen Routinen? Also Impression Pads und so weiter?
Vincent Hedan:
Ich will nicht sagen, ich benutze alles, denn ich bin arm und kann mir nicht jedes existierende Ding leisten. Ich würde gern, aber ich benutze ziemlich viel Equipment.
Ich habe ein absolutes Kriterium. Ich sage nicht, dass alle anderen es ebenfalls befolgen müssen, aber es ist eine meiner persönlichen Regeln – ich habe einige davon, an die ich mich zu halten versuche. Die Technologie muss aus Sicht des Zuschauers absolut unsichtbar sein, denn in einer Vorstellung ist das die einzige Perspektive, die zählt.
Also werde ich nie Effekte machen, die sichtbar auf einem Telefonbildschirm passieren, selbst wenn das Telefon geliehen ist, selbst wenn man eine falsche Google-Seite oder eine falsche Wikipedia-Seite benutzt. Und manchmal schmerzt mich das, denn Justin, mein Freund hier auf den Philippinen, macht zum Beispiel häufig Acronym. Das ist ein Effekt mit Wikipedia und solchen Dingen.
Ich habe Naturwissenschaft und etwas Programmierung studiert, daher fasziniert mich Engineering. Rein technisch sind der Aufbau dieser App und der Mechanismus dahinter außergewöhnlich, ebenso wie bei anderen Apps derselben Art. Aber die Technologie ist sichtbar.
Aus vielen Gründen, die ich auf meinem Blog erklärt habe – dort könnt ihr es lesen –, schrieb ich einen Artikel namens „10 Reasons Technology Is Killing Your Magic“. Ich habe bewusst einen sehr Clickbait-artigen Titel gewählt, um Leute zu packen. Aber zufällig glaube ich auch, dass mein Argument richtig ist, also habe ich mir das erlaubt.
Ich will keine sichtbare Technologie.
Jetzt habe ich tatsächlich mehrere dieser Dinge vor mir, weil ich dachte, wir könnten darüber sprechen. Das ist keine Werbung; leider habe ich das alles selbst bezahlt.
Notifier benutze ich viel, denn da ich kein sichtbares Telefon benutze, kann ich nicht auf mein Telefon schauen, um Informationen zu empfangen. Also brauche ich eine andere Möglichkeit, die Information heimlich zu bekommen. Das kann ein kleines Display sein, oder die Illuminati-Fernbedienung vibriert – zum Beispiel, um mir das Ergebnis eines Würfels mitzuteilen – oder Ähnliches.
Verbundene Würfel kennen viele. Das versteckte Telefon im Tisch haben wir schon gesehen. Die Tafeln liegen direkt neben mir. Es gibt sehr viele interessante Werkzeuge.
Eine Kategorie mag ich sehr, und hier bin ich keiner Marke treu, denn es gibt mindestens vier Produkte, von denen ich sicher sagen kann, dass sie sehr gut funktionieren: Impression Pads. Es gibt PITATA, IARVEL, MindBuster von Labco und ... was benutze ich? Nein, Entschuldigung, das vierte ist Audience Wonderland, das offenbar das beste herstellt, aber auch das teuerste. Dafür braucht man das Budget. Offenbar ist es faszinierend. Zwei Freunde von mir besitzen es und schwören darauf; sie sagen, es sei außergewöhnlich.
Ich selbst benutze viel das PITATA MemoPad. Für diejenigen, die es nicht kennen: Ich habe meins auseinandergenommen. Wenn man es kauft, kommt es ungefähr in diesem Format – nicht genau so, aber ungefähr. Innen ist im Grunde eine winzige Platine in der Größe einer Spielkarte, fast exakt dieselben Abmessungen. Leider ist sie dicker als eine Spielkarte, aber man versteht warum: Batterie, gesamte Elektronik, alles.
Das bedeutet, man kann sie fast überall verstecken.
Ich flehe euch im Namen jedes Gottes an: Versteckt sie nicht in einem Kartenspiel. Es wäre eine solche Verschwendung, ein so mächtiges Werkzeug zu besitzen und es nur dafür einzusetzen, jemanden „Herz Acht“ darauf schreiben zu lassen. Damit begrenzt ihr euch völlig unnötig.
Ich verstecke meine in einem Notizblock, der so dünn und leicht ist – weil die Elektronik fast nichts wiegt –, dass niemand vermuten kann, dass etwas darin steckt. Wenn jemand irgendetwas schreibt oder zeichnet, kann die Information an das kleine Display in meiner Tasche, an mein Telefon oder sogar an eine Schreibtafel gehen, wenn ich daraus eine Vorhersage machen möchte.
Ich benutze das viel, weil es extrem zuverlässig ist.
Ein weiterer Vorteil von PITATA – vielleicht auch von anderen, ich habe nicht alles getestet – ist, dass es mit mehreren Apps kompatibel ist. Mit MysterSmith funktioniert es. Mit UniFi von Illuminati funktioniert es. Mit PITATAs eigener App funktioniert es. Ich demonstriere es nicht, weil ich nicht hier bin, um ihnen etwas zu verkaufen, aber ...
Nicola Damien-Deramaix:
... es funktioniert sehr gut. Was benutzt du eigentlich in deinen Shows? Du hast das kleine, und dann ein größeres, das du in einem großen A4-Notizblock versteckt hast?
Vincent Hedan:
Das führt uns auch wieder zu dem zurück, was wir über KI besprochen haben.
Das Interessante an diesen Pads ist, dass die meisten inzwischen auch Handschrifterkennung haben. Früher warst du verloren, wenn der Zuschauer furchtbar schrieb und du es nicht entziffern konntest. Heute kann KI die Handschrift in getippten Text verwandeln.
Man erhält also viel bessere Erkennung. Das ist fast ein rein mechanischer technologischer Vorteil: Man bekommt sauberere Informationen, was angenehm ist.
Aber es gibt dabei auch eine interessante Seite für Präsentation und Script.
Ich habe das getestet und die Leute lachen, aber gleichzeitig sind sie verblüfft. Ich lebe auf den Philippinen und bin Franzose, also gibt es eine doppelte Sprachbarriere, und das versteht jeder sofort. Mein Gesicht wird nie so aussehen, als käme ich aus diesem Land. Die Leute erkennen mich auf der Straße – nun ja, nicht „mich“ persönlich, sondern sie erkennen, dass ich nicht von hier bin.
Wenn ich ihnen also etwas vorführe, wissen sie, dass ich ihre Sprache nicht spreche.
Vor Kurzem habe ich etwas ausprobiert, das ich lustig fand, und ich werde es häufiger benutzen, weil es eine weitere Barriere in die Präsentation einbaut. Ich sage ihnen, dass ich Gedanken lesen kann und so weiter, und bitte sie, an irgendein Wort in ihrer eigenen Sprache zu denken – Tagalog oder einen der lokalen Dialekte, denn hier gibt es so viele Inseln und Sprachen.
Sie schreiben das Wort auf das PITATA Pad.
Weil ich im Hintergrund KI einsetze, erkennt das System zunächst mechanisch, was sie als Buchstaben geschrieben haben. Dann sage ich dem System sinngemäß: „Schick mir nicht das ursprüngliche Wort, denn ich weiß nicht, was es bedeutet.“ Nehmen wir ein Beispiel: Wenn sie etwas wie „Magandang ...“ oder „Maga ...“ schreiben, was „Hallo“ bedeutet, will ich das lokale Wort nicht.
Das System erkennt die Handschrift mechanisch, dann übersetzt die KI sie je nachdem, was ich gerade möchte, ins Französische oder Englische. Auf meinem Bildschirm sehe ich „hello“, oder „horse“, oder „star“.
Dann kann ich scheinbar ihre Gedanken auf Englisch lesen, damit sie verstehen, was ich sage: „Ich glaube, du denkst an das Wort star – étoile auf Französisch“, oder was auch immer. Und sie drehen durch, weil ich einen Gedanken gelesen habe, der in ihrer eigenen Sprache existierte.
Präsentatorisch ergibt das Sinn: Wenn du ihre Gedanken liest, existiert dieser Gedanke natürlich in ihrer Muttersprache in ihrem Kopf.
Damit kann man sehr lustige Szenarien bauen.
Nicola Damien-Deramaix:
Und hattest du noch nie böse Überraschungen mit Elektronik? Irgendwelche Horrorgeschichten?
Vincent Hedan:
Nicht mehr böse Überraschungen als wenn ich nicht gut genug bin und einen Double Lift versaue oder so etwas.
Der Fehler ist immer menschlich. Die Maschine macht nur, was du ihr gesagt hast. Sie ist nicht zum Improvisieren programmiert.
Natürlich hatte ich Ausfälle, aber nach genug Tests habe ich letztlich immer verstanden, warum. Eine Batterie, die du nicht berücksichtigt hast, oder irgendein anderes vorhersehbares Problem.
Magier sind die meiste Zeit normale Menschen, und ich glaube, sie projizieren ein gewisses magisches Denken auf Technologie. Sie denken: „Es ist Technologie, also ist es Magie. Es wird von allein funktionieren“, weil sie nicht verstehen, wie es funktioniert.
Frag mich, wie ein Auto oder ein Computer wirklich funktioniert, und ich weiß es nicht. Diese Dinge sind inzwischen zu kompliziert für mich. Man weiß also nicht, wie Bluetooth funktioniert, wie die Batterie arbeitet, wie das System die Spitze des Stiftes erkennt, die über das Papier fährt. Man denkt einfach: „Sie haben mir gesagt, es funktioniert. Es hat fünfzehnhundert Euro gekostet. Vermutlich wird es funktionieren.“
Dann scheitert es, und man sagt: „Ich verstehe das nicht“, und beschwert sich.
Viele Leute erkennen zum Beispiel nicht, dass menschliche Körper überwiegend aus Wasser bestehen. Jeder Mensch in einem Theater ist im Grunde eine große Flasche oder ein großer Beutel Wasser um dich herum. Und Wasser ist furchtbar für Bluetooth, Wi-Fi und Funksignale.
Ich benutze zum Beispiel RFID-Sensoren, um zu wissen, welche Karte gewählt wurde. Wenn drei Menschen zufällig eine Mauer wie Verteidiger vor einem Elfmeter bilden und das Signal physisch blockieren, weiß ich, dass auf meinem Bildschirm nichts ankommen wird. Dann bin ich erledigt.
Man muss sich also der Inszenierung der Funkwellen in seiner Show und in der Interaktion mit dem Publikum bewusst werden.
Man kann nicht ans andere Ende des Gebäudes gehen, auf die Toilette, drei Türen zwischen sich und den Teilnehmern schließen und trotzdem annehmen, dass man das Signal bekommt.
Es gibt praktische Überlegungen. Der Einsatz dieser Werkzeuge erfordert eine Art technologische Umerziehung.
Nicola Damien-Deramaix:
Planst du also beim Schreiben einer Show Plan-B-Möglichkeiten ein? Falls die Technologie aus irgendeinem Grund ausfällt, hast du etwas vorbereitet, um sofort weiterzumachen?
Vincent Hedan:
Manchmal kann man ein Sicherheitsnetz einbauen.
Ich überlege nach einem Beispiel. Beim PITATA Pad etwa – ich zeige es euch. Das ist der Notizblock. Die Dicke unten, wo ich ihn waagerecht halte, ist der Teil mit der Elektronik. Er ist schon extrem dünn.
Trotzdem ist im Notizblock noch genug Platz für Seiten und Umschläge. Ich habe ein altmodisches Blatt Kohlepapier eingebaut. So etwas verwendet man bei Duplikationspads.
Der Stift, den ich benutze, hat eine harte Spitze – keinen Filz –, also übt er genügend Druck aus. Wenn der Zuschauer auf der vorletzten Seite vor dem elektronischen Teil schreibt, wird das Geschriebene durch das Kohlepapier darunter dupliziert.
Wenn auf meinem Display also nichts ankommt, kann ich sagen: „Okay, gib mir den Block zurück.“ Ich blättere um und bekomme einen Peek auf die Kohlepapierkopie.
Da wir gerade dabei sind, erwähne ich etwas sehr kurz. Es steht auch auf meinem Blog. Ich habe ein kurzes Video namens „The Hierarchy of Peeks“ gemacht. Ich glaube, der Link ist ungefähr hedan.fr/peek1. In diesem Video erkläre ich, dass es Grade der Trennung gibt, die die Täuschung hinter einem Peek stärker oder schwächer machen.
Ein Beispiel.
Julien Losa – ihr hattet ihn hier, ihr habt schon mit ihm gesprochen – benutzt sehr viel Billets, Center Tears und solche Dinge. Ich benutze diese Methoden kaum, weil ich schlecht darin bin und keine Zeit in diese Techniken investieren möchte. Justin macht sie hier ausgezeichnet. Ich finde sie lästig.
Angenommen, du gibst jemandem deine Visitenkarte oder ein Stück Papier, und die Person schreibt etwas darauf. Danach musst du sagen: „Moment, gib mir das Ding zurück, auf das du geschrieben hast“, um es zu zerreißen, in die Tasche zu stecken, heimlich einen Center Tear auszuführen oder einen Peek zu bekommen.
Strukturell ist das problematisch, weil du genau den Gegenstand zurücknimmst, auf den die Person geschrieben hat. Es gibt keinen Grad der Trennung: „Du hast etwas darauf geschrieben, jetzt nehme ich es zurück.“ Meist funktioniert es, besonders wenn das Publikum nicht nach einer anderen Erklärung sucht, aber ideal ist es nicht.
Jetzt stell dir einen Notizblock mit Kohlepapier vor. Du gibst der Person den ganzen Block, sie schreibt, reißt die Seite heraus, behält die Seite und gibt dir den Notizblock zurück. Sie behält die tatsächliche Oberfläche, auf die sie geschrieben hat. Du bekommst nur eines der Werkzeuge zurück, die am Schreiben beteiligt waren. Das ist ein Grad der Trennung.
Elektronik kann dir zwei Grade der Trennung geben – oder praktisch unendliche Trennung. Die Person nimmt Stift und Block, schreibt und behält bis zum Ende der Show alles in der Hand, während du die Information trotzdem anderswo empfängst.
An diesem Punkt fängt bei den Leuten die Nase an zu bluten, weil kaum noch eine plausible Erklärung übrig bleibt.
Natürlich hat das seinen Preis. Ein Center Tear kostet ein Stück Papier oder eine Visitenkarte. Ein Kohlepapier-Impressionssystem kostet vielleicht fünf Euro für Kohlepapier von Amazon. Ein PITATA Pad kostet, glaube ich, ungefähr fünfhundert Euro. Ein Audience-Wonderland-System ungefähr fünfzehnhundert. Man befindet sich sofort in einer anderen Budgetklasse.
Es gibt viele interessante Werkzeuge. Ich versuche einfach, bei ansonsten identischen Vorführbedingungen das Werkzeug zu verwenden, das mir den größten Grad der Trennung gibt.
Das ist also eine Antwort auf deine Frage zu Backup-Systemen: Mein Pad hat die Kohlepapierseite.
Es gibt andere Beispiele. Ich hatte noch eines im Kopf. Ja: Ich benutze Spielkarten mit RFID-Tags. Wenn man eine über den Sensor legt, sagt der Bildschirm: „Sie haben die Karo Acht gewählt.“
Nicola Damien-Deramaix:
Ist das dieses Waagen-Ding?
Vincent Hedan:
Nein, keine Waage. Es heißt Second Sight. Man kann auch Waagen benutzen, aber das ist viel riskanter, weil eine Spielkarte nicht sehr viel wiegt.
Der Second-Sight-Sensor ist ungefähr so groß wie die Fernbedienung. Ich habe das Gefühl, ich mache jetzt einen Elektronik-Werbespot. Lächerlich.
Für ungefähr 199 bekommt man den Second-Sight-Sensor. Eine winzige Box. Man kann sie in einem Buch, in einem Tisch, sogar im Ärmel verstecken und Gegenstände darüberführen.
Stellt euch ESP-Karten vor. Ich habe gerade keine hier, aber ihr versteht die Idee. Man führt eine ESP-Karte über den Sensor; sie ist getaggt, und sofort weiß man, ob der Teilnehmer Kreis, Quadrat, Kreuz, Wellenlinien und so weiter gewählt hat.
Zusätzlich zu den RFID-Tags sind meine ESP-Karten auf der Rückseite mit einem Markierungssystem versehen, das mir ihre Identität verrät.
Ich will die Elektronik benutzen, denn wieder kann ich weit entfernt sein. Die Person legt die Karte in eine Schachtel, die Schachtel hat einen falschen Boden mit dem versteckten Sensor, ich bin fünfzehn Meter entfernt und bekomme die Information. Unglaublich.
Aber wenn das elektronische System ausfällt, kann ich trotzdem sagen: „Okay, halte die Karte flach, mit dem Bild nach unten, damit ich sie nicht sehen kann“, und direkt die Markierung auf der Rückseite lesen.
Manchmal ist das möglich; manchmal nicht.
Wenn ein verbundener Würfel das Ergebnis nicht überträgt, bist du tot. Es gibt keinen echten Out. Du kannst sagen: „Versuchen wir es noch einmal“, oder: „Ich bekomme eine schlechte ...“
Ich sage den Leuten beim Würfel-Effekt buchstäblich: „Mal sehen, ob ich eine gute Verbindung zu dir habe.“ Sie haben keine Ahnung, wovon ich spreche – aber ich teste wirklich die Verbindung. Ich muss sehen, ob ihre Körper das Signal blockieren werden.
Nicola Damien-Deramaix:
Genial, weil man innerlich lachen muss, aber sonst niemand weiß, warum.
Vincent Hedan:
Genau. Manchmal ist das ein kleiner privater Witz für mich.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich hatte Fragen, die Leute mir geschickt haben, über The Devil’s Tarot und über Booktests. Booktests sind offensichtlich ein großer Teil deiner Arbeit. Ist das etwas, wofür du dich besonders begeisterst? Und wie siehst du die Entwicklung dieser Form? Inzwischen gibt es so viele Booktests auf dem Markt. Ich weiß nicht mehr genau, wie die Frage formuliert war, weil ich mir nur eine Notiz gemacht habe, aber ich glaube, darum ging es.
Vincent Hedan:
Ich weiß nicht, ob ich eine vollständige „Philosophie“ zu Booktests habe, aber das verbindet sich tatsächlich wieder mit der anderen Frage darüber, wie ich Dinge erschaffe. Oft ist es so ...
Vincent Hedan:
... dass ich denke: „Ich will das machen.“ Wenn du einmal entscheidest, dass deine Inspirationsquellen nicht zwingend aus der Magie kommen müssen, hast du manchmal Ideen, für die die ideale Lösung, die du willst, einfach nicht existiert. Oder zumindest nicht genau in der Form, die du brauchst.
Booktests existierten natürlich lange vor mir. Wir haben Aufzeichnungen bis ins dritte Jahrhundert. Und wenn man sich heute den Markt anschaut, gibt es ungeheuer viele davon – und jedes Jahr mehr. Das wird nicht aufhören.
Dahinter steckt allerdings eine beängstigende Frage: Menschen lesen nicht mehr, sie sind auf TikTok. Wird das physische Buch in zehn Jahren noch Sinn ergeben? Werden wir ein Buch hochhalten und die Leute sagen: „Was ist das für ein Gegenstand? Du hast einen Baum gefällt und Papierblätter hineingesteckt? Was soll das? Ist das eine Art Angriff auf die Natur oder willst du einen Zaubertrick machen?“
Aber ernsthafter, um deine Frage nach Booktests zu beantworten: Ich glaube, das kommt teilweise aus meinem Hintergrund. Meine Mutter ist Geschichtenerzählerin, mein Vater hat ebenfalls viel gelesen. Lesen war also immer stark um mich herum. Mein Bruder liest viel, meine Schwester ebenfalls. Wir sind alle Buchmenschen, auch heute noch. Überall um mich herum stehen Bücher.
Wenn man kreativ arbeitet, fragt man sich natürlich: „Was mag ich?“ Wenn du gern zeichnest, entwickelst du Dinge mit Zeichnung. Yves Carbonnier liebt Kochen – zack, seine Arbeit geht in diese Richtung. Ich liebte Lesen, also: Bücher.
Borges beschreibt in seinen Geschichten Gedächtnisdemonstrationen – er war überhaupt kein Magier, aber er schilderte Gedächtnisleistungen mit Büchern. Das inspiriert. Man denkt: „Das ist cool. Aber diesen Effekt gibt es nicht.“
Babel zum Beispiel war der erste relativ traditionelle Booktest, den ich entwickelt habe. Für alle, die ihn nicht kennen: Er sieht aus wie ein Roman. Ich glaube, ich habe hier nur die englischen Versionen, weil ich nicht in einem französischsprachigen Land lebe.
Es gibt mehrere unterschiedliche Romane – meine Kamera hat sich verschoben, sie kommt gleich zurück. Jeder Roman enthält innen denselben Text, aber Cover, Titel und Autoren ändern sich. Man kann also zu jemandem sagen: „Hier sind sechs verschiedene Bücher. Welches bevorzugst du?“ Heimlich sind sie alle gleich, wodurch du hinter den Kulissen vollständige Kontrolle hast.
Eine Funktion in Babel – die Gedächtnisdemonstration – kommt direkt von Jorge Luis Borges.
Gehen wir kurz zu ihm zurück, damit die Leute die Inspiration verstehen. Borges wurde ungefähr 1890 geboren, glaube ich. Er war also ein junger Mann in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Er schrieb, las, lebte und atmete Literatur. Jahrelang war er Direktor der Nationalbibliothek von Buenos Aires.
Das Problem war, dass seine Augen versagten. Er hatte eine degenerative Augenkrankheit – die ultimative Ironie, wenn man gleichzeitig Leser und Schriftsteller ist. Deine Augen verlassen dich vollständig. Wie bei Hayao Miyazaki, dem Schöpfer von Studio Ghibli, und Stephen King, der ebenfalls nach und nach erblindet. Die Natur verabscheut ... Ich wollte sagen, die Natur verabscheut ein Vakuum, aber nein – die Natur ist eine Schlampe. Furchtbar.
Borges wurde also blind, aber die Geschichten waren noch in seinem Kopf. Was macht man, wenn man blind ist und nie gut genug Braille gelernt hat, um seine Geschichten aufzuschreiben? Jeden Tag kam ein Amanuensis zu ihm nach Hause.
Er verbrachte seine Tage allein in seiner Wohnung und komponierte ganze Geschichten in seinem Kopf bis hin zu den Kommata, denn er diktierte auch die Zeichensetzung. Dann kam jeden Tag jemand und nahm alles auf, was er geschaffen hatte.
Fast wie die Pythia von Delphi – er wird zum Orakel und gießt die Geschichte mündlich heraus. Das ist auch ein Grund, warum seine Prosa so gut lesbar ist: Sie hat eine starke mündliche Qualität. Der Assistent schrieb alles auf und es ging an den Verlag.
Das ist ebenfalls ein Grund, warum er vor allem Kurzgeschichten schrieb. Es ist leichter, relativ kurze Texte zu erschaffen als sechshundertseitige Romane, wenn man nur das eigene Gehirn und die Nacht als Speicher hat.
Schon sein kreativer Prozess ist faszinierend.
In einem Buch, über das ich auf meinem Blog gesprochen habe, geschrieben von einem seiner Assistenten – er hatte im Laufe der Jahre mehrere –, beschreibt der Assistent, wie es war, diese fast mystische Erfahrung mitzuerleben.
Er sagt, Borges konnte plötzlich entscheiden: „Heute schreiben wir nicht. Heute lesen wir. Du liest mir ein Buch vor, denn ich kann nicht mehr lesen. Geh zum vierten Regal. Nimm den dritten roten Band von links.“
Der Mann ist blind, aber er hat seine gesamte Bibliothek im Kopf kartografiert.
„Nimm dieses Buch. Seite 245. Achter Absatz. Fang dort an, denn das möchte ich heute lesen.“
Er kannte die Karte all seiner Bücher. Ein völlig verrückter Gedächtnispalast.
Und ich dachte: „Okay. Das will ich machen.“
Ich möchte, dass ein Zuschauer ein Buch öffnet und ich sagen kann: „Okay, auf dieser Seite gibt es so viele Absätze. Jeder Absatz hat so viele Zeilen. Nenne irgendein Wort, und ich weiß genau, wo es auf der Seite steht“, und so weiter.
In Babel gibt es einen Effekt dieser Art. Du öffnest Babel irgendwo, liest ein bisschen aus der Geschichte, vielleicht aus dem ersten Absatz, und ich kann dir sagen: „Da gibt es eine Figur namens Sophie, etwas mit Basketball und dem Eingang eines Wohnhauses“, und exakt beschreiben, wo du in der Geschichte bist.
Das kam von Borges, nicht aus der Magie. Ich sah etwas, das er offenbar konnte, und dachte: „Das ist vollkommen verrückt. Das will ich machen.“ Damals existierte der Effekt nicht in der Form, die ich wollte.
Andere benutzten später ähnliche Ansätze, und einige entdeckten unabhängig dasselbe Gebiet. Shawn Farquhar hatte eine Sherlock-Holmes-Idee, eine Art Back-to-Back-Bucheffekt, den er einige Monate entwickelte, nachdem er meinen gesehen hatte. Wir sind Freunde, also kein Problem. Wir haben darüber gesprochen: „Du weißt, woher das kommt. Das sieht verdammt ähnlich aus wie das, was ich dir letztes Jahr bei 4F gezeigt habe.“ Alles gut. Ideen zirkulieren. Darin steckt auch etwas Kollegiales.
Das also ist Babel.
Pi – wir gehen inzwischen rückwärts durch die Reihenfolge – entstand aus der Idee, einen Effekt über Pi zu entwickeln, was damals für mich eine echte persönliche Bedeutung hatte. Pi war früher mein Passwort – heute nicht mehr – für PayPal und viele andere Dinge.
Dann arbeitete mein Freund Sean Taylor, dessen Werk ich ebenfalls ins Französische übersetzt habe, ein hervorragender Mentalist in Australien, Mitglied der PA, brillanter Typ, am selben Thema. Er sagte: „Hey, ich habe eine Idee mit Pi gefunden.“
Und das ärgerte mich ein bisschen, weil Pi „mein“ Thema war – obwohl ich ihm das nie gesagt hatte, also konnte er es natürlich nicht wissen. Er hatte schon etwas zu „meinem“ Thema entwickelt, während ich nichts gemacht hatte, weil ich faul gewesen war.
Also ging ich nach Hause und entwickelte Pi, teilweise als Reaktion darauf. Seine Version ist ebenfalls sehr gut und auf seiner Website erhältlich.
Der erste Booktest, den ich entwickelte, war aber Haiku.
Haiku entstand damals aus einem echten Akt der Rebellion. Ich wollte keinen Booktest, bei dem man ein Kartenspiel mischt oder zwei Würfel wirft und sie sagen dir „Seite 84“, dann enthüllst du das Wort „Badewanne“ auf Seite 84. Das interessiert niemanden. In einer Show ist das nicht interessant, außer man baut eine sehr besondere Präsentation darum.
Ich ging zur historischen Quelle zurück. Bei meinen Recherchen entdeckte ich, dass einer der frühesten dokumentierten Booktests, die jemand beobachtet hatte, einen Performer zeigte, der scheinbar Verse von Vergil – dem antiken Dichter – rezitierte oder besser erriet.
Ich dachte: „Das ist interessant.“ Wenn man Poesie errät, hat das Enthüllte literarische Qualität. „Badewanne, Seite 84“ löst nicht gerade Träume aus. Nicht sehr interessant.
Wenn man aber Poesie enthüllt, gibt es Emotion, eine emotionale Verbindung und Musikalität in der Sprache selbst. Das kann viel interessanter sein.
Und damals war ich völlig von Japan besessen, also ging es natürlich in Richtung Haiku. Die Punkte verbanden sich von selbst.
So entstand Haiku, bei dem man japanische Gedichte enthüllt, die den Zuschauer ansprechen und ein Bild in seinem Kopf erzeugen. Die Idee war, etwas stark Thematisches und Persönliches zu schaffen.
Babel kam später, weil ich dachte: „Ich brauche trotzdem etwas Vielseitigeres für Hochzeiten.“ Haiku verkauft man nicht unbedingt an ein Firmenkomitee. Japanische Poesie ist vielleicht gerade nicht das Thema, das sie möchten.
Nicola Damien-Deramaix:
Ja. Und mir gefiel auch das kleine Objekt in der Close-up-Version, in Anführungszeichen. Es war faszinierend.
Vincent Hedan:
Dieselbe Geschichte: Ich schaute damals viele japanische Anime und sah diesen Gegenstand, weil er in Japan ein ganz normaler Alltagsgegenstand ist. Man benutzt ihn für Notizen oder zum Lernen, wie Flashcards.
Ich sehe den Gegenstand in einem Anime. Dann gehe ich in Paris in ein Geschäft namens Muji, das heute sehr bekannt ist, damals aber noch relativ neu, und sehe genau denselben Gegenstand. Ich kaufe ihn.
Jetzt habe ich also einen Gegenstand, den ich aus japanischer Animation erkenne, vielleicht japanische Poesie im Kopf, und dann die Idee eines Booktests. Die Puzzleteile fügen sich ungefähr so zusammen.
Damit kommen wir wieder zu meinem kreativen Prozess.
Was ich erkannt habe: Ich konsumiere enorme Mengen an ... nun ja, ich versuche Dinge zu erleben, aber vor allem kulturelles Material: Filme, Literatur, Musik und so weiter.
Alles, was wir konsumieren, wird in irgendeiner Weise gespeichert. In meinem Kopf stelle ich mir jedes Ding als Puzzleteil vor.
Das Problem ist: Du weißt nicht, wie viele Teile du hast, du weißt nicht, welches Bild sie ergeben sollen, und du weißt nicht, wann das Puzzle vollständig sein wird.
Du hast also einen Haufen Teile: grüne, rote, seltsam geformte, und keine Ahnung, wo sie hingehören. Wahrscheinlich habe ich Puzzleteile im Kopf, die von meinem zehnten Lebensjahr stammen und erst in fünfzig Jahren nützlich werden.
Dann denkst du eines Tages: „Moment. Das japanische Notizblock-Teil, das japanische Poesie-Teil, das Booktest-Teil – diese drei passen zusammen.“ Boom. Plötzlich hast du ein Bild und das Projekt kommt heraus.
Manchmal sitzt etwas wie die Weihnachtsgeschichte oder die Hiroshima-Geschichte zehn Jahre in meinem Kopf, bevor es auf Papier oder auf die Bühne kommt, weil mir einfach die letzten Verbindungsteile fehlten.
Der neueste Booktest, den ich letztes Jahr veröffentlicht habe, brauchte ein ganzes Jahr, weil ich zwölf Monate lang jeden Monat daran arbeitete. Er heißt Echo und folgte auf The Devil’s Tarot.
The Devil’s Tarot handelte davon, echtes Tarot in einer Praxis zu benutzen, die Magie mit Divination und so weiter verbindet. Vielleicht sprechen wir später darüber.
Ich entwickelte es, weil ich hier auf den Philippinen eingeladen worden war, Tarotreadings zu geben. Ich dachte: „Okay, das wird interessant. Mal sehen, wie wir das angehen können.“
In Thailand war ich außerdem eingeladen worden, mehrere Monate in einer Voodoo-Bar zu arbeiten. Jeden Abend machte ich Tarotdivination kombiniert mit Magie und sah, wie beides miteinander verbunden werden konnte.
Ich begann mir ethische Fragen zu stellen. Irgendwann dachte ich: „Wie könnte ich meine Persona als Tarot-/mystischer Magier glaubwürdiger machen?“ Denn persönlich glaube ich nicht an diese Praktiken, also suchte ich nach einer Form von Glaubwürdigkeit.
Ich dachte: „Was, wenn ich ein Buch über das Thema geschrieben hätte?“
Seitdem habe ich hier mehrmals an einer Tarot-Convention teilgenommen, die von einem Filipino-Amerikaner organisiert wird, der in diesem Feld ziemlich etabliert ist. Er selbst hat Bücher darüber geschrieben. Wenn du Yoga-Experte bist, hast du vielleicht ein Yoga-Buch geschrieben, um deine Ideen zu teilen. Dasselbe Prinzip.
Auf diesem Exemplar steht deshalb mein Name auf dem Cover. Die Versionen auf meiner Website tragen meinen Namen nicht, denn warum sollte auf deinem Requisit Vincent Hedan stehen? Bei meinem persönlichen Exemplar ergibt mein Name Sinn.
Echo ist außerdem zum ersten Mal in meiner Arbeit ein Booktest, den man wirklich von vorne bis hinten lesen kann. Ein echtes lesbares Buch. Man findet es sogar auf Amazon als Kindle-Ausgabe. Ich habe es Leuten gezeigt, und manche sagten: „Das Thema ist interessant. Ich kaufe die Kindle-Version und lese es.“
Aber heimlich ist das physische Buch gimmicked, um das Flashback-Prinzip zu benutzen.
Für alle, die Flashback nicht kennen: Man riffelt so durch das Buch, fängt einen Blick auf ein Wort ein, und dasselbe Wort erscheint gespiegelt auf der gegenüberliegenden Seite auf eine Weise, die es mir erlaubt, es zu bekommen. Ich nehme einen sehr schnellen Peek – hier sehe ich zum Beispiel das Wort „accept“ – und später kann ich enthüllen, dass du an „accept“ denkst.
Aus diesem einzigen Prinzip entwickelte ich vier Routinen und einen Bonus, alles in der Anleitung erklärt.
Echo und Tarot funktionieren also gut zusammen. Ich kann zuerst Echo vorführen, um zu testen, wie empfänglich die Leute für diese Welt sind, und dann in ernsthafteres, tieferes Tarot übergehen. Oder umgekehrt: Ich mache ein Tarotreading, merke, dass du nicht wirklich daran glaubst, sage: „Okay, lass mich dich damit überzeugen“, mache den Booktest und gehe danach zurück zum Tarot.
Es sind unabhängige Werkzeuge, aber sie ergänzen sich sehr gut.
Ich schrieb eines über Tarot wegen The Devil’s Tarot. Dann dachte ich: „Ja, aber Tarot ist nicht das einzige okkulte Thema.“
Also veröffentlichte ich zwölf verschiedene Echo-Bücher, eines pro Monat: Astrologie, Numerologie, Tarot de Marseille, Rider-Waite-Tarot – weil das zwei unterschiedliche Tarotsysteme sind –, Handlesen, Teeblätterlesen, Hypnose ... Hypnose ist natürlich weniger okkult, aber ich hatte Freunde an der Comédie Saint-Michel, die eine Hypnoseshow spielten, und dachte: „Wäre es nicht großartig, wenn sie ihr eigenes praktisches Buch über Hypnose geschrieben hätten?“ Boom: Wir schreiben ein Hypnosebuch.
Wenn du über Hypnose sprichst oder pseudo-hypnotische Konditionierung in deiner Show verwendest, kannst du den Booktest daneben einsetzen, und er passt perfekt.
Es gibt noch andere Themen.
Mein Ziel ist natürlich nicht, zwölf Bücher zu schreiben, damit du alle zwölf kaufst. Das ergibt keinen Sinn. Was ist dein Thema? Wenn dein Thema zufällig eines der Echo-Themen ist, großartig – jetzt hast du ein weiteres Werkzeug, das zu deiner Figur passt.
Denn Tarot vorzuführen und danach plötzlich den Haiku-Booktest zu machen, ergibt keinen Sinn. Komplett verschiedene Themen, verschiedene Figuren. Macht das nicht.
Nicola Damien-Deramaix:
Aber es war eine clevere Idee, zwölf Themen zu entwickeln, weil dadurch fast jeder etwas findet, das zu ihm passt.
Vincent Hedan:
Danach entwickelte ich am Ende des Echo-Projekts eine höhere Stufe namens Echo VIP.
Die Idee war: „Okay, meine persönlichen Bücher tragen meinen Namen auf dem Cover, weil ich beim Präsentieren Autorität zum Thema aufbauen möchte. Du kaufst ein normales Echo mit dem Namen eines fiktiven Autors. Aber vielleicht ist dieses Thema wirklich genug Teil deines Lebens und deiner Expertise, dass dein eigener Name auf dem Buch Sinn ergibt.“
Dann wird der Prozess anders. Ich schreibe den bestehenden Echo-Titel deiner Wahl neu.
Zum Beispiel hatte ich einen Kunden, der im Bereich Meditation arbeitete. Ich nenne seinen Namen nicht, damit das privat bleibt. Aber er praktizierte Meditation klinisch und ernsthaft. Er kannte das Thema wirklich; es war kein Show-Vorwand.
Er sagte: „Ich möchte die existierende Meditationsversion, aber ich möchte sie mit meinem Namen auf dem Cover neu geschrieben haben.“
Also schreibe ich den inneren Text neu, bewahre die zugrunde liegenden Prinzipien, damit der Booktest weiterhin funktioniert, entwickle ein individuelles Cover, das nur er besitzt, setze seinen Namen darauf, veröffentliche es über Amazon und schicke ihm zehn Exemplare, damit er Ersatz hat, wenn sie abgenutzt sind.
Jetzt besitzt er ein echtes Buch mit seinem Namen über ein Thema, in dem er tatsächlich Experte ist – und zusätzlich kann er Menschen mental damit zerstören, weil das Flashback-Prinzip darin versteckt ist.
Nicola Damien-Deramaix:
Cool. Apropos deine Arbeit: Da gibt es eine sehr interessante Frage. Glaubst du, du wirst irgendwann etwas über deinen eigenen Memorized-Deck-Stack veröffentlichen? Das wollte ich auch fragen. Siehst du? Wir sind verbunden.
Vincent Hedan:
Das fragen mich die Leute seit zwanzig Jahren.
Vincent Hedan:
Und ich bin nervig, weil ich immer dieselbe Antwort gebe: „Ja, vielleicht nächstes Jahr.“ Und das sage ich seit zwanzig Jahren.
Meinen Stack habe ich, glaube ich, 2004 entwickelt. Maurice erinnert sich, weil er Teil derselben Forschungsgruppe war und zum Prozess beigetragen hat. Ich bin sicher, dass auch andere Leute im Chat ihn kennen.
Ich entwickelte den Stack aus demselben Grund wie viele andere Dinge: „Ich will etwas machen. Das, was ich will, existiert nicht. Gut, dann muss ich es wohl selbst bauen.“
Damals benutzte ich Christian Chelmans Brainstorm-Stack, einen ausgezeichneten Stack für viele Dinge. Er setzt ihn verheerend in Blitz und Overblitz ein, in seiner Lecture und in seinen Büchern. Genial. Er funktioniert ein bisschen wie Si Stebbins – genauer wie Eight Kings – mit einem Merksatz, der die Reihenfolge des Decks steuert, und danach fand er Routinen, die in dieser Struktur eingebettet waren.
Damals war Mnemonica noch nicht auf Französisch erschienen, und mein Englisch war nicht gut genug, um bequem auf die Literatur zuzugreifen. Bei Aronson war es ähnlich: sprachlich etwas zu weit von mir entfernt.
Die Funktionen, die ich in meinem Stack wollte, kamen von einer Lecture von Michael Vincent, dem brillanten englischen Kartenmagier. In seiner Best of Michael Vincent-Lecture, ich glaube von Minard produziert, führt er einen Effekt namens Intuitive Speller vor. „Épellation intuitive“ wäre wahrscheinlich die französische Übersetzung.
Diese Lecture gibt es vielleicht irgendwo noch auf DVD. Ich frage mich, ob eine offizielle Website die DVDs oder sogar autorisierte Downloads verkauft. Eine brillante Lecture mit viel Close-up-Material. François Montmirel und Daniel Rhod produzierten sie damals mit Paris Magique. Es gab unglaubliche Lectures: Guy Hollingworth, Ascanio, Chad Long, Vallarino ...
Jedenfalls sah ich Michael Vincent diesen irren Effekt machen und dachte: „Okay, das will ich machen – aber einfacher und mit jeder Spielkarte“, denn in seiner Version forcierte er die Karte, die im Effekt verwendet wurde.
Also entwickelte ich meinen Stack dafür. Dann entwickelte ich Routinen darum. Ich hätte nie gedacht, dass das irgendjemanden sonst interessieren würde, denn wie die meisten Dinge, die ich erschaffe, war es einfach ein persönliches Werkzeug.
Dann begann ich, ihn anderen zu zeigen, und sie sagten mir, er habe Funktionen, die in anderen Stacks nicht existieren. Also dachte ich irgendwann: „Vielleicht ist es wirklich Zeit.“
Als ich 2008 zum ersten Mal ernsthaft an dem Buch arbeitete, war ich in Australien und noch Student. Andere Dinge und normale Lebensprobleme lenkten mich ab.
Das größte Hindernis war aber: Ich habe inzwischen ungefähr 120 Routinen rund um meinen Stack, weil ich ihn seit langer Zeit benutze. Und sie brauchen Illustrationen.
Damals war es furchtbar, all das zu illustrieren. Man musste Fotos oder Videos machen und danach jemanden bitten, sie in Zeichnungen umzuwandeln. Teuer und kompliziert.
Was sich inzwischen verändert hat, ist KI.
Sogar vor KI habe ich Amnesia, glaube ich, auf ähnliche Weise illustriert. Man konnte ein Foto machen und intelligente Filter in Photoshop benutzen. Das war noch keine künstliche Intelligenz, aber die Filter waren leistungsfähig genug, Fotos in Zeichnungen zu verwandeln.
Meine Bücher werden schwarzweiß auf weißem Papier gedruckt, und Fotos sehen in diesem Format oft furchtbar aus – große, schwere schwarze Flächen. Ich mag alte Illustrationen im Tarbell-Stil, handgezeichnete Tuschelinien. Diese visuelle Sprache wollte ich wiederherstellen.
Photoshop half, aber es war immer noch langwierig und mühsam. Alles musste einzeln bearbeitet werden.
Heute finden wir mit KI Wege, Fotos oder Videos in wirklich schöne, handgezeichnet wirkende Illustrationen zu verwandeln – so schnell, dass die Idee, fünfhundert Zeichnungen in ein Buch zu setzen, realistisch wird.
Vorher war das finanziell schlicht nicht realistisch oder hätte viel zu viel Zeit gebraucht. Und leider habe ich selbst nicht das Talent, sie zu zeichnen.
Projekte in dieser enormen Größenordnung werden dadurch leichter vorstellbar, weil wir heute Werkzeuge haben, die helfen, mit dem Arbeitsvolumen umzugehen.
Also: vielleicht bald.
Ursprünglich stellte ich es mir als ein Buch vor. Das Problem ist, dass es wahrscheinlich vielen Leuten egal sein wird. Ich veröffentliche es und sie sagen: „Oh toll, noch ein neuer Stack. Warum soll ich ausgerechnet diesen statt eines anderen lernen?“
Und ich sage den Leuten offen: Wenn ihr zögert und Mnemonica in Betracht zieht, nehmt Mnemonica. Die Literatur ist außergewöhnlich. Auch dazu habe ich Blogartikel auf meiner Website.
Was bei einem Memorized-Deck-Stack wichtig ist, ist nicht in erster Linie, dass er berühmt oder leicht zu lernen ist. „Leicht zu lernen“ ist eines der schlechtesten Argumente der Welt.
Es ist wie jemandem zu sagen, er solle ein Fahrrad nur deshalb wählen, weil es leicht ist. Wenn man immer nur Dinge tut, die leicht sind, macht man am Ende nichts Schwieriges oder Wertvolles. Manchmal muss man körperlich oder mental den Preis bezahlen.
Und bei Memorized Decks sagte Aronson in seinem Essay Memories Are Made of This ungefähr: Niemand hat je die Mühe auf sich genommen, einen Stack auswendig zu lernen und wirklich zu meistern, und es danach bereut.
Es ist ein Berg, dessen Besteigung man nie bereut.
Man leidet. Ich werde nicht lügen: Der Anfang tut ein bisschen weh. Aber wenn man oben angekommen ist, denkt man nicht: „Nein, das hätte ich nicht tun sollen. Diesen Berg zu besteigen war ein Fehler.“ Niemand tut das.
Menschen brechen den Aufstieg auf halber Strecke ab, ja. Aber wer oben ankommt, versteht, was dadurch möglich wird. Es kann unglaublich kompliziert wirken, aber es verschafft Zugang zu einer wahnsinnigen Menge Material.
Nehmen wir zum Beispiel ...
Nicola Damien-Deramaix:
Ich weiß nicht, ob wir eine deiner Kreationen erwähnen können, ohne zu viel zu verraten.
Vincent Hedan:
Ja, ja, kannst du. Ich weiß, worauf du hinauswillst.
Nicola Damien-Deramaix:
Bei Pi zum Beispiel wird die ganze Sache massiv leichter, wenn man Mnemonica bereits beherrscht. Ich habe Mnemonica gelernt, bevor ich Pi gelernt habe.
Vincent Hedan:
Genau. Danach – ich will nicht sagen, es gibt gar keine Arbeit mehr, aber fast keine zusätzliche.
Die Leute werden denken, das ist Verkaufsgeschwätz, aber ich sage es in Lectures und immer, wenn man mich danach fragt.
Man muss außerdem aufpassen, denn Menschen missverstehen, was es bedeutet, einen Memorized Stack zu „kennen“.
Es gibt: wissen, was ein Stack ist. Einen Stack kennen. Und dann einen Stack beherrschen.
Zu viele Leute denken: „Ja, ja, ich addiere drei, rotiere die Farben, also kenne ich meinen Stack.“ Nein. Nein, nein.
Wenn du das Deck nicht so schnell aufsagen kannst wie deine Telefonnummer, und wenn du mir nicht sofort die Position jeder Karte und umgekehrt die Karte an jeder Position nennen kannst, ohne ins Schwitzen zu geraten, hast du noch Arbeit vor dir, bevor du Zugang zu allen Funktionen des Stacks hast.
Es gibt viele Routinen, für die man den Stack nicht kennen muss. Amnesia ist ein Buch, das ich geschrieben habe, bei dem alles funktioniert, wenn das Deck physisch in der richtigen Reihenfolge in deinen Händen liegt, selbst wenn du die Reihenfolge nicht auswendig kennst.
Dann gibt es Routinen, bei denen man den Stack wirklich kennen muss, wie Pi.
Wenn Leute also mit der Memorized-Deck-Version von Pi Max ein bisschen kämpfen – denn es gibt mehrere Versionen, auch ohne Stack –, sage ich: Wenn du deinen Stack wirklich beherrschst, können wir das in dreißig Sekunden testen. Sag das Deck auf. Gib mir zwei oder drei Positionen und zwei oder drei Karten.
Wenn du den Stack beherrschst, gebe ich dir das Pi-Max-Buch, das für deinen Stack codiert ist. Fünf Minuten später kannst du auf die Bühne gehen und die Routine vorführen.
Denn bei der Memorized-Deck-Version von Pi Max besteht die Methode im Grunde darin, deinen Memorized Stack vor dem Publikum aufzusagen.
Das bringt mich zum Lachen, weil die Methode fast obszön dreist ist. Ich mache die Methode buchstäblich direkt vor euren Augen – indirekt.
Nicola Damien-Deramaix:
Pi Max ist genial. Aber man muss den Stack wirklich beherrschen. Es testet dein Wissen definitiv ein bisschen. Besonders, in Anführungszeichen, die zweite Phase, die wahrscheinlich der komplexeste Teil ist.
Vincent Hedan:
Ja, man muss ihn wirklich sehr gut kennen.
Aber auch dafür gibt es Werkzeuge. In der Anleitung gibt es einen Link zu einer Trainings-App.
Und zurück zu künstlicher Intelligenz: Ich habe Programmierung, Naturwissenschaft, Mathematik und all das studiert, war aber nie besonders gut im Programmieren. Jahrelang konnte ich Pi-Max-Nutzern daher keine richtige, ernsthafte Trainings-App anbieten.
Dann machte KI es plötzlich möglich, dass Idioten wie ich etwas Akzeptables programmieren.
Die Pi-Max-Trainings-App wurde von mir programmiert, indem ich – wahrscheinlich damals ChatGPT – ungefähr sagte: „Ich möchte, dass dieses Programm exakt das hier macht, in einem sehr engen, kontrollierten, spielerischen und pädagogischen Rahmen.“
Die App, die ihr benutzt, wurde von KI programmiert.
Ohne KI gäbe es dieses kostenlose Trainingswerkzeug nicht, und dieses Werkzeug macht den Lernprozess enorm leichter. KI hat definitiv einige große Barrieren beseitigt.
Simon schreibt im Chat: „Der Legende nach kennst du mehrere Stacks.“
Die Legende sagt, dass das irgendwann stimmte. Heute nicht mehr.
Momentan frische ich Mnemonica wieder auf, weil ich an etwas Neuem arbeite.
Aber ganz kurz – und auch das hat mit Inspiration zu tun – habe ich Linguistik studiert. Meine gewählten Sprachen waren Englisch und Koreanisch. Pflichtmäßig musste ich auch Indonesisch studieren, und wir streiften ein bisschen Thai, Hebräisch und Sprachen, die von rechts nach links geschrieben werden, einfach um verschiedene Systeme kennenzulernen.
Eine interessante Sache in der Linguistik ist: Je mehr Sprachen man kennt, desto leichter wird es, eine neue zu lernen, weil Sprachen Familien bilden.
Wenn man Französisch und Italienisch gelernt hat und danach Spanisch beginnt, hat man schon viele Strukturen, an denen man sich festhalten kann.
Nicola Damien-Deramaix:
Weil die lateinischen Wurzeln immer wiederkommen.
Vincent Hedan:
Genau. Es sind indoeuropäische Sprachen, also miteinander verwandt.
Und wenn man etwas Chinesisch, Koreanisch oder Japanisch gelernt hat, findet man auch in den anderen leichter Haltepunkte. Koreanisch und Japanisch haben sich in Beziehung zu chinesischem sprachlichem Einfluss entwickelt und teilen sehr viel Wortschatz.
Sie schreiben die Wörter nicht gleich, aber toshokan bedeutet auf Japanisch „Bibliothek“; dogwan ist auf Koreanisch „Bibliothek“. Toshokan, dogwan – man hört, woher die Beziehung kommt. Im Chinesischen gibt es ebenfalls die verwandte Wurzel. Die Schriftsysteme sind verschieden, aber die Laute zeigen historische Verbindungen.
Danach driften Sprachen mit der Zeit auseinander. Kanadisches Französisch ist nicht identisch mit dem Französisch in Frankreich, weil die Gemeinschaften jahrelang getrennt waren.
Während meines Linguistikstudiums dachte ich also: Vielleicht funktionieren Memorized Decks genauso.
Damals kannte ich Brainstorm und meinen eigenen Stack. Brainstorm ist teilweise ableitbar, also relativ leicht. Ich dachte: „Lernen wir zusätzlich Mnemonica und schauen, was passiert.“
Ich wollte zwei Dinge untersuchen.
Erstens: Entstehen Brücken? Wenn man zwei Stacks kennt, entstehen Ideen, die mit nur einem nie entstanden wären? Mehr Wissen, mehr Werkzeuge – vielleicht entsteht etwas Neues.
Bei mir lautete die Antwort im Grunde nein. Rainman sollte ursprünglich zwei verschiedene Stacks gleichzeitig benutzen, was mentaler Selbstmord war. Absolut unbeherrschbar, also gab ich das sofort auf.
Und in zwanzig Jahren habe ich nie eine Idee gefunden, die wirklich zwei oder drei verschiedene Memorized Stacks braucht. Ich jedenfalls nicht. Vielleicht findet jemand anders eines Tages eine, und das wäre großartig.
Die zweite Frage war, ob Stacks im Gehirn ähnlich wie Sprachen in getrennte Schubladen kommen.
Wenn ich im „Mnemonica-Modus“ bin, verwechsle ich ihn aus Versehen mit meinem Stack? Oder Aronson? Eine Zeit lang hatte ich drei Schichten im Kopf: meinen, Mnemonica und Aronson.
Und die Antwort war: nie.
Wenn man Englisch spricht, kommt nicht ohne Grund plötzlich ein zufälliges japanisches Wort aus dem Mund. Das Gehirn vermischt Sprachen normalerweise nicht willkürlich.
Mit den Stacks passierte dasselbe.
Akademisch fand ich das interessant, auch wenn das Experiment am Ende keine nützliche magische Entdeckung für mich hervorbrachte. Aber ich möchte niemanden vom Ausprobieren abhalten, denn vielleicht findet jemand anders etwas, das ich nicht gefunden habe. So entstehen manchmal Ideen, auf die sonst niemand gekommen wäre.
Nicola Damien-Deramaix:
Es gab auch eine Frage zum Übersetzen. Übersetzt du noch für andere Leute?
Vincent Hedan:
Heute beschränke ich mich darauf, meine eigene Arbeit zu übersetzen.
Nicola Damien-Deramaix:
Denn eine Zeit lang hast du zusätzlich zu all deinen Projekten und Kreationen unglaublich viele Bücher übersetzt.
Vincent Hedan:
Ja. Ich hatte großes Glück, Frantz bei CC Éditions kennenzulernen, später Ludo bei Marchand de Trucs. Ich habe für mehrere Verlage übersetzt.
Ungefähr zehn Jahre habe ich professionell übersetzt. Genau weiß ich es nicht mehr, vielleicht insgesamt dreißig oder vierzig Bücher für Ludo. Und es gibt noch Bücher, von denen ich weiß, dass sie übersetzt sind, aber noch nicht veröffentlicht wurden. Irgendwann kommen sie heraus. Er ist ebenfalls extrem beschäftigt und arbeitet sehr viel.
Nicola Damien-Deramaix:
Er hat unglaublich viel veröffentlicht. Auf dieser Seite hast du also heute stark reduziert.
Vincent Hedan:
Ich mache nichts mehr außer meinen eigenen Übersetzungen, weil es sehr viel Arbeit ist.
Aber es war faszinierend, denn wenn man den Text von jemandem übersetzt, entdeckt man, wie dessen Denken funktioniert.
Luke Jermay und Banachek zum Beispiel – so habe ich beide zuerst entdeckt. Später habe ich sie kennengelernt, und Luke wurde ein Freund und jemand, der mir wirklich wertvoll ist, weil er extrem intelligent ist. Er ist viel zu jung, um so intelligent und talentiert zu sein. Das ist ärgerlich.
Durch Übersetzung bekam ich Zugang zu solchen Dingen.
Und manchmal entdeckt man Material, von dem man nie erwartet hätte, es zu mögen. Vorhin erwähnten wir Luke Oseland und digitale Magie, von der ich annahm, dass ich sie hassen würde. Dann entdeckte ich einen intelligenten Typen, der sie durchdacht einsetzt.
Eine weitere Offenbarung, die ich Leuten nenne – weil sie sie manchmal übersehen –, kam, als Ludo von Marchand de Trucs mir ein Buch zum Übersetzen schickte.
Normalerweise schickte er Luke Jermay, Banachek, Phedon Bilek mit Orion, McGill über Hypnose, solche Dinge.
Dann schickt er mir eines Tages ein Buch mit einem Titel ungefähr wie Danny Orleans’ Children’s Magic, und ich denke: „Was zum Teufel ist das?“
Um ein guter Übersetzer zu sein, braucht man mehrere Dinge. Man muss die Ausgangssprache einigermaßen gut sprechen, sonst versteht man nicht, was man liest, und kann es nicht übersetzen. Die Zielsprache muss man noch besser beherrschen, sonst produziert man Müll. Und man muss auch das Thema verstehen.
Ein Buch über einen Bereich der Magie, der mir vollkommen fremd ist, würde ich nicht annehmen, weil ich den technischen Wortschatz nicht kennen würde.
Und jetzt schickt er mir ein Buch über Kinderzauberei. Kinder mag ich ohnehin nicht, und zusätzlich verstehe ich dieses Feld nicht besonders gut, also bin ich überrascht.
Er sagt, ich soll es mir anschauen. Natürlich lese ich das Buch vor der Übersetzung – und falle fast vom Stuhl.
Denn wenn man das Buch liest und vorübergehend vergisst, dass es um Kinder geht, liest man in Wahrheit Marketing, altersbezogene psychologische Analyse und Audience Management während einer Show.
Kinder sind sehr speziell. Ich mag sie nicht, aber sie haben faszinierende psychologische Profile.
Danny Orleans war Lehrer, er weiß also wirklich, wovon er spricht. Er arbeitete akademisch und professionell mit Kindern. Eine zentrale Idee des Buches ist, dass Kinder verschiedenen Alters nicht dieselbe Psyche, dasselbe Weltverständnis, dasselbe innere Modell der Realität haben.
Ein Dreijähriger versteht die Welt nicht wie ein Fünf-, Sechs- oder Siebenjähriger. Alle Eltern wissen das. In diesem Alter passieren Entwicklungssprünge unglaublich schnell, Stufe für Stufe.
Was er schreibt, ist also faszinierend. Er sagt: „Ich führe nicht dieselben Effekte vor – oder zumindest nicht auf dieselbe Weise – je nach Alter der Kinder.“
Ich habe katastrophale Kinderzauberei gemacht, als ich zum ersten Mal professionell auf den Zaubermarkt kam. Jemand sagte: „Okay, im Raum sind zweihundert Kinder zwischen drei und dreizehn. Viel Glück.“ Dann warf man dich in den Raum und es war ein Albtraum, weil das Publikum überhaupt nicht segmentiert war. Die Eltern tranken hinten etwas, es war ihnen egal, sie freuten sich, dass jemand anders die Kinder eine Stunde lang beschäftigte. Immer katastrophal.
Danny Orleans verstand das richtig. Er segmentiert das Publikum. Wenn nötig, spielt man mehrere Shows für unterschiedliche Altersgruppen. Kein Problem.
Und er hat einen sehr intelligenten Ansatz. Ein Kind hat eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne. Es hört nicht unbedingt all deinen Anweisungen zu, wobei man in Kinderzauberei ohnehin nicht zu viele Anweisungen geben sollte.
Es gibt viele Parallelen zu einem Mentalismus-Zuschauer: Man muss seine Aufmerksamkeit gewinnen, eine Geschichte erzählen, sicherstellen, dass er die Anweisungen versteht, ohne ihn gleichzeitig aus der Geschichte herauszuholen.
Sobald man diese Parallelen sieht, wird das Buch fast zu einer Bibel des Mentalismus, denn es geht vollständig um die Psychologie der Menschen vor dir. Faszinierend.
Und ich entdeckte das, weil ich es übersetzte.
Sogar sehr einfache Dinge: Manchmal fliegt eine Methode an Erwachsenen vorbei, weil kein Erwachsener daran denkt. Mach dasselbe mit einem Kind, und es sagt sofort: „Nein, leicht. Du hast das gemacht.“ Sein Weltmodell ist anders.
Denkt an Kuckuck. Wenn du dein Gesicht verdeckst, haben sehr junge Kinder die Objektpermanenz noch nicht vollständig entwickelt. Dein Gesicht ist verborgen und hört in ihrer Erfahrung beinahe auf zu existieren. Du kannst keinen Gegenstand verschwinden lassen und eine beeindruckte Reaktion erwarten, wenn das Publikum in der relevanten Weise noch keine Objektpermanenz besitzt.
Es gibt Dinge, die in bestimmten Entwicklungsstufen einfach nicht funktionieren.
Ich muss für zwei Sekunden eine kurze Toilettenpause machen, wenn ihr nichts dagegen habt. Ich bin so schnell wie möglich zurück. Ihr könnt hinter meinem Rücken Fragen vorbereiten. Bis gleich.
Nicola Damien-Deramaix:
Fragen hinter seinem Rücken. Ich weiß nicht, ob ihr noch mehr Fragen habt; wir versuchen, insgesamt alles abzudecken. Und wenn Fragen übrig bleiben, kann Vincent später in den Facebook-Kommentaren antworten.
Ich schaue die an, die wir noch nicht beantwortet haben. Und während dieser kleinen Pause: kurze Erinnerung, dass wir nächste Woche am Dienstag und am Donnerstag um 21 Uhr jeweils einen Livestream haben – Dienstag mit dem Schöpfer von Titans und Donnerstag die Rückkehr des Koum-Falls mit unserem Freund Anthony Chenot. Nächste Woche wird also ebenfalls voll.
Ich glaube, wir haben schon ziemlich viele Fragen beantwortet. Simons ebenfalls. Ich glaube, wir haben alle dieselbe Krankheit: zu viele Bücher.
Steeve Marion:
Ja, ja, für Leute, die Bücher lieben, definitiv. Es gab auch eine Frage zu deinen zukünftigen Projekten. Mental Theater ist gerade erschienen.
Und Nico und ich empfehlen es wirklich, denn es ist ein großartiges Buch. Hast du zukünftige Projekte, Dinge, die du planst?
Vincent Hedan:
Ich habe keine skandalöse Ankündigung zu machen. Aber ja, mein grober Plan war, Mental Theater zu veröffentlichen und dann endlich an dem Buch über meinen Memorized Stack zu arbeiten, denn wie wir vorhin gesagt haben ...
Ich würde natürlich gern, dass alle meinen Stack übernehmen, denn selbstverständlich halte ich ihn für den besten. Jeder hält sein Baby für das klügste.
Aber dieses Buch als ein einziges Projekt zu veröffentlichen, erschien mir etwas verrückt, besonders weil es in meinem Stack ein sehr spezielles Konzept gibt, das in keinem anderen Stack existiert, wobei sich das Konzept selbst auf andere Stacks übertragen lässt.
Also dachte ich, vielleicht wäre der richtige Ansatz, zwei unabhängige Bücher zu veröffentlichen, und niemand bräuchte beide.
Ein Buch würde sagen: „Okay, du willst Vincent Hedans Stack, dieses Konzept und alles, was darum gebaut wurde.“ Das wäre das Buch für meinen Stack.
Wer bereits Mnemonica benutzt, könnte dagegen ein Mnemonica-spezifisches Buch kaufen, das im Wesentlichen dasselbe Konzept enthält, nur an Mnemonica angepasst.
Diese Anpassung habe ich tatsächlich vor Jahren gemacht. Einige Leute – darunter Maurice, Pascal Fadi, sein Freund Tony Corgan in La Rochelle und andere – benutzen das Konzept beim Table-Hopping für bestimmte Effekte.
Ich entwickelte das Konzept für meinen Stack, aber weil ich in einer Forschungsgruppe mit Leuten war, die Aronson, andere Stacks oder Mnemonica benutzten, experimentierte ich auch damit, es an diese Systeme anzupassen.
So könnte ich eine Mnemonica-Version für Menschen veröffentlichen, die ihrem Stack bereits Jahre ihres Lebens und Gedächtnisses gewidmet haben, was völlig legitim ist.
Und für Menschen, die noch keinen Memorized Stack haben oder bereit sind, sich von einem anderen Vorschlag verführen zu lassen, gäbe es dieselbe zentrale Idee, angepasst an meinen eigenen Stack.
Das war der Plan. Ich hatte vage vor, diesen Sommer mit dem Schreiben anzufangen.
Dann ist leider Juan Tamariz gestorben.
Ich muss zugeben, das hat meine Motivation für das Buch vorübergehend gebremst. Ich hatte ihn getroffen, als er nach Vannes kam, ich glaube 2009. Er hielt eine außergewöhnliche Lecture und trat in den Gala-Shows der Convention auf, die in jenem Jahr in Vannes stattfand.
Ich zeigte ihm ein paar Dinge. Und natürlich gab es für mich eine emotionale Verbindung, denn Multitude kommt von ihm. Meine Arbeit mit Memorized Decks kommt von ihm. Tamariz hat für ungeheuer viele Dinge und ungeheuer viele Menschen den Samen gepflanzt.
Ich benutzte den Perpendicular Control intensiv in meiner Memorized-Deck-Arbeit, und natürlich ist seine Theorie großartig.
Also starb er diesen Sommer. Er war ein sehr alter Herr, es ist also nicht so, als wäre ein Zehnjähriger vom Fahrrad gefallen. Aber es tut trotzdem weh. Und ich legte das Projekt für eine Weile weg.
Man fragt sich auch: „Will ich dieses Buch wirklich einen Monat nach seinem Tod veröffentlichen?“ Es fühlte sich nicht unbedingt richtig an.
Ich werde weiter daran arbeiten. Ich arbeite ohnehin seit zwanzig Jahren daran.
Steeve Marion:
Und wir stellen dir die Frage wieder.
Vincent Hedan:
Genau. Fragt mich in weiteren zwanzig Jahren noch einmal, dann sind wir bereit.
Die Jubiläumsidee gefiel mir auch: „Mein Stack nach zwanzig Jahren Praxis.“ Tamariz hat in gewisser Weise etwas Ähnliches gemacht. Mnemonica erschien selbst auf Spanisch recht spät im Verhältnis dazu, wie lange er den Stack bereits benutzt hatte. Und heute gibt es eine sehr gute französische Übersetzung davon.
Das also ist ein Projekt.
Dann gibt es Projekte, die seit Jahren herumliegen, weil ich ehrlich gesagt faul bin. Ich bin mit anderen Dingen beschäftigt, also treibe ich nicht unbedingt jedes Projekt bis ganz durch die Pipeline.
Aber Multitude 2 und 3 existieren praktisch schon, denn es gibt viele weitere Anwendungen des Multitude-Deck-Prinzips von Val Evans. Das erste Buch enthielt sechzehn Routinen. Seit Jahren habe ich zusätzliches Material über Notizen verteilt – wieder die berühmten Puzzleteile.
Im Grunde muss ich heute nur alle Teile auf den Tisch legen, das Bild zusammensetzen und in ein Album kleben. Diese Bücher sind also fast fertig.
Es gibt mehrere Dinge dieser Art, bei denen ich nur sagen muss: „Okay. Jetzt machen wir das. Los.“
Im Moment arbeite ich außerdem an etwas, das französische Leser vielleicht etwas weniger interessiert: Mir ist klar geworden, dass wir endlich Werkzeuge haben, mit denen ich meine Bücher respektvoll und effektiv in andere Sprachen übersetzen kann.
Nicola Damien-Deramaix:
Denn Französisch und Englisch kannst du, in Anführungszeichen, selbst machen.
Vincent Hedan:
Ja. Und ich mache das gern, also mache ich es selbst und kann alles kontrollieren.
Aber Deutsch, Spanisch, Italienisch, sogar Japanisch – das sind Sprachen, die mich enorm interessieren, die ich professionell aber nicht direkt kontrollieren kann.
Jetzt erreichen wir endlich einen Punkt, an dem es wirklich möglich sein könnte, das sauber zu machen. Ich habe deutsche, japanische und spanische Ausgaben an Freunde geschickt, die diese Sprachen sprechen, und sie sagten: „Ja, das ist gut. Das ist veröffentlichbar. Mach weiter.“
Also denke ich jetzt: „Okay, arbeiten wir daran.“ Das bedeutet, der gesamte Katalog muss gemacht werden.
Nicola Damien-Deramaix:
Das ist riesige Arbeit. Aber bedeutet das, dass du keine Pläne hast, nach Frankreich oder Europa zurückzukommen?
Vincent Hedan:
Nie. Nein – ich mache Spaß. Ich bin 2022 gegangen.
Am Anfang erwartete ich halb, dass das Ganze scheitern würde. Ich dachte, irgendetwas geht schief: finanzielles Problem, medizinisches Problem, was auch immer, und ich muss mit eingezogenem Schwanz völlig besiegt zurückkommen.
Aber jetzt ist 2026 und es sind vier Jahre.
Eine Zeit lang dachte ich darüber nach, nächstes Jahr, also 2027, zurückzukommen, weil ich dachte: „Seit ich weg bin, habe ich unglaublich viel Material veröffentlicht, aber französischen Magiern nicht persönlich gezeigt.“ Sie haben Videos und Hinweise darauf in Online-Lectures gesehen, aber ich habe physisch keine Lecture dort gegeben.
Es gibt Clubs, die ich fünf, sechs, manchmal sieben Jahre nicht besucht habe. CAMP, das ich liebe, ist einer davon.
Ich sollte im Frühjahr 2020 kommen – ich will das Jahr nicht falsch sagen –, und wir wissen alle, was im Frühjahr 2020 passiert ist. Wir wurden alle freundlich gebeten, zu Hause zu bleiben.
Wegen Covid wurde alles abgesagt. Ich hatte ungefähr zehn Termine in Frankreich geplant, dazu Österreich, die Vereinigten Staaten, Kanada – alles verschwand auf einmal.
Also ja, ich hatte an 2027 gedacht. Dann erinnerte ich mich, dass 2027 in Frankreich ein Präsidentschaftswahljahr ist. Die Menschen haben vielleicht andere Dinge im Kopf, als zu einer Zauber-Lecture zu gehen.
Ich gehe nicht in Politik hinein, denn deshalb sind wir nicht hier. Aber französische Infrastruktur kann rund um große nationale Ereignisse manchmal etwas unvorhersehbar werden. Vielleicht kommen stattdessen mehr Franzosen zu mir auf die Philippinen.
Also dachte ich: „Warten wir und schauen, was passiert.“ Vielleicht ist es nicht die stabilste Zeit für Züge und Logistik, also warten wir vielleicht.
Wenn allerdings jemand das Flugticket bezahlt, komme ich. Hin und zurück ungefähr 800 Euro plus Hotel. Kein Problem. Wir verbringen einen Abend zusammen und ich fliege nach Hause.
Es ist lange her, seit ich zurückgekommen bin.
Ich habe Glück, dass Manila als Hauptstadt der Philippinen sehr international ist. Ich bin nicht ans andere Ende der Welt gezogen, um meine ganze Zeit mit Franzosen zu verbringen, deshalb suche ich die französische Community nicht aktiv, obwohl sie hier ist und sehr nett ist.
Aber es gibt französische Restaurants, japanische Restaurants, Restaurants von überall. Wenn ich mit Freunden reden möchte, gibt es das Internet – wir haben gerade demonstriert, dass es sehr gut funktioniert. Bei Familie genauso.
Nicola Damien-Deramaix:
Trotzdem wäre es wirklich cool, dich wieder bei Lectures zu sehen, vielleicht auf Festivals oder Conventions.
Vincent Hedan:
Oh ja. Die belgischen Conventions waren immer unglaublich nett zu mir. Das wäre großartig.
Nicola Damien-Deramaix:
Vielleicht schickst du eine E-Mail und sagst, du kommst, und wir organisieren etwas. Denn sobald du ankündigst, dass du kommst, wirst du viele Anfragen bekommen und am Ende überall touren.
Vincent Hedan:
Sehr freundlich von dir. Vielleicht gibt es auch Leute, die denken: „Du warst aus einem Grund so weit weg. Du musst nicht so schnell zurückkommen.“
Nicola Damien-Deramaix:
Nein, aber ernsthaft, das wäre cool.
Ich schaue auf die Zeit, weil ich weiß, dass wir zeitliche Zwänge haben. Die ersten zwei Stunden sind schon vorbei. Es gibt wahrscheinlich viele Dinge, über die wir keine Zeit mehr haben zu sprechen, weil ich ... Es stimmt, dass wir über die Tarot-Seite deiner Arbeit eigentlich gar nicht gesprochen haben, obwohl du sie vorhin erwähnt hast. Dazu gibt es eine Frage.
Vincent Hedan:
Nun, ich will das Thema nicht erzwingen.
Nicola Damien-Deramaix:
Nein, nein, aber wir kommen immer fast dorthin und gehen dann wieder weg.
Vincent Hedan:
Das war damals für mich ein leicht kontroverses Thema, weil es mit dem zusammenhängt, was wir vorhin darüber sagten, sich selbst zu erlauben, Dinge zu machen.
Persönlich glaube ich an nichts davon. Mein Denken ist sehr wissenschaftlich. Aber das Thema interessierte mich, weil ich vor Jahren, als ich Oracle Belline entwickelte, etwas Offensichtliches erkannte.
Wenn du enthüllst, dass jemand an die Kreuz Vier denkt, ist das beeindruckend. Aber wenn du enthüllst, dass die Person an eine Karte denkt, die Liebe, Familie oder ein anderes emotional aufgeladenes Thema aus dem Belline-Wahrsagedeck repräsentiert, gibt es zwei Wirkungen.
Da ist die intellektuelle Wirkung: „Wie wusste er, dass ich daran denke?“ Aber es gibt auch eine emotionale: „Ich habe eine echte Beziehung zu dieser Karte, zu diesem Thema, und du hast darüber etwas Persönliches berührt.“
Als ich als Nomade durch Asien reiste, verbrachte ich einige Zeit in Thailand. Eines Abends suchte ich eine Bar für einen Drink und fand einen Ort, der von einem Amerikaner aus New Orleans betrieben wurde – einer Stadt mit außergewöhnlicher spiritueller Kultur, Voodoo und all diesen unterschiedlichen Traditionen, die sich vermischen.
Dieser Amerikaner war ein pensionierter Soldat, und seine thailändische Frau war sowohl Geisterjägerin als auch Tarotreaderin.
Und wenn ich „Geisterjägerin“ sage, meine ich, dass sie wirklich zehntausende Baht bezahlt bekam – was sind das, zwei Euro? –, um in Häuser zu gehen und Geister zu entfernen, wenn Menschen Besessenheit oder Ähnliches vermuteten. Dafür bekam sie ernsthaft Geld.
Das meinte ich vorhin, als ich sagte, dass in einer Stadt wie Bangkok noch ein echter kultureller Untergrund tiefen Glaubens existiert. Solche Dinge können dort immer noch vorkommen.
Der Typ hatte also diese ganze Bar um Voodoo herum aufgebaut.
Ich ging hinein, schaute mich um und dachte: „Das ist ein Theater, das nur darauf wartet, benutzt zu werden.“ Er selbst hatte die Punkte einfach noch nicht verbunden.
Ich zeigte ihm den verbundenen Würfel, dann etwas traditionelleres Kartenmaterial, und er sagte: „Wir müssen reden. Du machst interessante Sachen. Meine Frau ist nicht immer hier, um Tarotreadings zu geben, weil sie anderswo in den Provinzen arbeitet. Komm, wenn sie nicht da ist, und führ etwas vor.“
Aus Respekt vor dem Ort dachte ich: „Ich komme nicht in eine Voodoo-Bar und mache Schwammbälle und ein brennendes Portemonnaie. Ich versuche etwas zu entwickeln, das zum Thema des Ortes passt.“
Also holte ich das heraus, was ich vorher rund um Oracle Belline entwickelt hatte, und passte es an Rider-Waite-Tarot an, das in diesem Land dominanter ist. Dieselben Ideen funktionieren auch sehr gut mit Tarot de Marseille.
Fast zufällig passte ich mein Repertoire an den Ort an – und plötzlich ging es los.
Die Reaktionen waren unglaublich.
Nach jeder Demonstration lauteten die Fragen nicht: „Wie hast du das gemacht?“, „Kann ich sehen, was in deinem Ärmel ist?“ oder „Lass mich dein Deck untersuchen.“ Stattdessen fragten die Leute: „Wurdest du mit dieser Gabe geboren?“
Nicola Damien-Deramaix:
Das ist immer so eine faszinierende Welt.
Vincent Hedan:
Vollkommen. Und das seit Anbeginn der Zeit – buchstäblich seit Anbeginn der Zeit.
Denn man muss sich klarmachen: Wenn solche Praktiken heute noch existieren, im Zeitalter von KI, Wi-Fi, 5G in unseren Taschen, Telefonen, die absolut alles können, dann gibt es offensichtlich ein menschliches Bedürfnis, sich mit diesen Themen zu verbinden.
Noch einmal: Ich persönlich glaube nicht daran, und ich befürworte die Praxis nicht. Das erkläre ich in Oracle Belline und auch in The Devil’s Tarot.
In diesem Bereich gibt es ein echtes ethisches Problem.
Viele Menschen, die Tarot oder andere okkulte Systeme praktizieren, glauben wirklich an das, was sie tun. Sie glauben an die Magie davon, an die tiefe Macht der Karten – und manche nutzen diesen Glauben immer noch auf schädliche Weise.
Dann gibt es viele andere, die überhaupt nicht glauben und echte Betrüger sind, die Menschen finanziell oder körperlich ausnutzen.
Also musste ich mich fragen: Darf ich das machen? Wie werde ich es machen? Was antworte ich, wenn jemand fragt: „Hat deine Mutter dir diese Gabe gegeben?“ oder „Kannst du mit den Toten sprechen?“
Ich musste für mich viele Antworten finden.
Ich habe hier nicht unbedingt alle gegeben, weil sie sehr persönlich sind. Man muss seine eigenen Antworten finden.
Aber ich ermutige die Leute, sich diese Fragen zu stellen.
Bei Haiku ist es genauso. Du kannst Haiku nicht vorführen, den Leuten sagen, es seien chinesische Gedichte, und behaupten, du hättest das Buch in Benin gefunden. Du musst das Thema bewohnen. Wenn ein Thema im Leben der Menschen real existiert, musst du wenigstens ein bisschen wissen, wovon du sprichst.
Menschen kennen Tarot. Wenn du eine Karte ziehst und kompletten Unsinn darüber erzählst, kann jemand sagen: „Nein, ich war letzte Woche bei einer anderen Tarotreaderin, und sie hat mir etwas völlig anderes gesagt.“
Also muss man das Thema wenigstens ein bisschen studieren. Das erkläre ich im Buch.
Rider-Waite-Tarot ist aus diesem Grund nützlich. Ich habe inzwischen ständig eines in meiner Nähe.
Tarot de Marseille, das in Frankreich sowohl als Kartensystem als auch zur Divination sehr bekannt ist, ist stark symbolisch. Man sieht Schwerter, Münzen, Kelche und so weiter. Nicht jede Karte enthält unbedingt eine starke bildhafte Szene.
Bei Rider-Waite ist jede Karte wie ein Gemälde.
Nicola Damien-Deramaix:
Ja, es wurde so gestaltet.
Vincent Hedan:
Genau. Eine der Personen, die daran gearbeitet haben, Pamela Colman Smith, war Illustratorin. Waite engagierte sie ausdrücklich, um die Bilder zu entwickeln.
Nicola Damien-Deramaix:
Okay, verstehe.
Vincent Hedan:
Sie war nicht unbedingt in erster Linie Mystikerin, obwohl sie eigene Überzeugungen hatte. Der Mystiker sagte: „Ich brauche Illustrationen, mach sie für mich“, sie gingen zusammen weg, um daran zu arbeiten – hinter dem Deck steckt eine ganze faszinierende Geschichte.
Dadurch ist Rider-Waite sehr nützlich, wenn man noch nicht weiß, wie man Tarot liest. Man kann eine Karte anschauen und fragen: „Was passiert in diesem Bild? Was ist die Szene? Welche Atmosphäre? Welche Stimmung?“ Danach kann man beginnen, die Punkte zu verbinden.
In diesem Umfeld gibt es noch etwas Schönes.
Vorhin sprachen wir über Heckler und Menschen in Frankreich, die versuchen, einen Zaubereffekt auseinanderzunehmen, wenn sie mit dem Unmöglichen konfrontiert werden. Wenn man für ein Publikum auftritt, das an diese okkulte Welt glaubt – oder sie zumindest genießt –, ist es normalerweise nicht dort, um dir zu sagen, dass du falsch liegst oder lügst.
Ich hatte große Angst, mich wie ein Hochstapler zu fühlen. Ich dachte, die Leute würden sagen: „Du bist kein echter Hellseher. Das ist fake. Wir machen dich fertig, weil du so tust.“
Aber das passierte überhaupt nicht.
Die Menschen waren so freundlich und offen, dass ich mein eigenes Vorurteil korrigieren musste – die Haltung: „Ich glaube an nichts davon, also müssen diese Leute Idioten sein.“
Es sind keine bösen Menschen, die die Welt zerstören wollen. Oft sind es wirklich freundliche Menschen.
Als ich auf dieser Tarot-Convention war, traf ich fast nur nette Leute. Einige waren etwas verloren, manchmal verzweifelt und auf der Suche nach Antworten, aber trotzdem interessante Menschen.
Und manchmal macht es einen wahnsinnig, denn ich hatte „echte Tarotreader“, in Anführungszeichen – falls es so etwas überhaupt geben kann –, die mir Demonstrationen gaben.
Ich schaue zu und denke: „Du hast mir gerade einen Zaubertrick vorgeführt.“
Es gibt ein Verfahren wie bei einem Zaubertrick, danach am Ende eine Enthüllung – dieselbe Struktur –, nur benutzen sie keinerlei Sleight of Hand, weil Technik ihnen egal ist. Die Bedeutung verbindet sich von selbst durch die Interpretation der Karten.
Und man denkt: „Okay. Du arbeitest also nicht an Technik, nicht an Präsentation, es funktioniert trotzdem und du bekommst eine stärkere Reaktion. Vielleicht gibt es hier wirklich etwas, das man studieren sollte.“
Für jeden, der dieses Feld nicht kennt, halte ich es wirklich für lohnend, es zu erkunden, weil es extrem bereichernd und sehr, sehr interessant ist.
Nicola Damien-Deramaix:
Ich habe The Devil’s Tarot ebenfalls sehr geliebt. Es war wirklich ...
Vincent Hedan:
Und darüber spreche ich im Buch für Menschen, die ein bisschen Angst vor dem Thema haben.
Ein Film, den ich liebe, ist The Gift, Regie Sam Raimi, der auch Evil Dead und Spider-Man gemacht hat. Auf Französisch heißt er Intuitions.
Cate Blanchett spielt darin – ihr wisst schon, Galadriel in The Lord of the Rings. Sie ist ursprünglich australische Schauspielerin und spielt eine Hellseherin.
Sie benutzt ESP-Karten zur Divination, was methodisch natürlich kompletter Unsinn ist, aber das spielt keine Rolle. Das Thema ist da.
Und ich fragte mich: Glaubt Sam Raimi an all das, weil er einen Film darüber gemacht hat? Ist Cate Blanchett vom Okkulten fasziniert, weil sie eine Hellseherin spielt?
Nein. Sie ist Schauspielerin, er ist Regisseur, und es ist eine Geschichte.
Als Performer dürfen wir also eine Praxis darstellen, ohne zu behaupten, sie sei wahr.
Um ein extremes Beispiel zu nehmen – und ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hat –: Christian Chelman hat Geschichten, ich ebenfalls, aber er hat einen besonders klaren Fall. Er hat Bizarre-Magick-Routinen, die im Zweiten Weltkrieg spielen und Artefakte mit einem Symbol benutzen, das offensichtlich problematisch ist.
Er präsentiert dieses Material nicht, weil er die Ideologie des Symbols unterstützt. Er präsentiert es, weil die magische Geschichte um das Artefakt faszinierend ist.
Es gibt also einen Unterschied zwischen Interpretation und Missionierung.
Ich missioniere nicht. Ich bin Performer. Ich stelle eine Praxis dar. Ich bin nicht dort, um dem Publikum zu sagen, dass diese Praxis wahr oder falsch ist.
Persönlich halte ich sie für falsch.
Nicola Damien-Deramaix:
Das ist unglaublich interessant, und ehrlich gesagt könnten wir fast einen zweiten Livestream nur über dieses Thema machen. Wir sind etwas durch die Zeit begrenzt, aber es war wirklich ein großes Vergnügen.
Da wir zeitlich begrenzt sind, möchte ich nur noch eine Sache erwähnen, bevor wir aufhören. Wir haben ziemlich viele Fragen beantwortet. Wenn wir eure verpasst haben, schreibt sie gern in die Kommentare. Wie ich sagte, Vincent hat später noch Zugang, und die Leute, die die Aufzeichnung sehen, sehen die Kommentare ebenfalls. Bestimmt haben wir einige Fragen verpasst, also Entschuldigung im Voraus. Vielleicht haben wir danach noch Zeit, sie zu beantworten.
Vincent Hedan:
Ich wollte den Leuten, die bis zum Ende geblieben sind, noch ein letztes Geschenk machen. Wir sind seit fast drei Stunden dabei. Mir geht es gut, wir könnten weitermachen, aber ich weiß, dass Nicola losmuss.
Für alle, die bis zum Ende geblieben sind: Hier ist ein Geschenk. Eine Woche lang bekommt ihr, wenn ihr auf meine Website geht und den Code „alliance“ benutzt – wie Alliance, wo wir gerade sind, aber klein geschrieben, sonst funktioniert es nicht –, 20 % Rabatt auf jede Bestellung.
Für alle, die so lange bei uns geblieben sind: bitte schön.
Steeve Marion:
Das ist wirklich nett, vielen Dank.
Und ehrlich gesagt war es ein enormes Vergnügen, dich hier zu haben. Wir wollten dich schon seit einer ganzen Weile dabei haben. Nico und ich sprechen seit Monaten darüber. Es war also wirklich ein riesiges Vergnügen, dich endlich hier zu haben – und wir lieben deine Arbeit ebenfalls.
Nicola Damien-Deramaix:
Morgen posten wir die Aufzeichnung erneut mit allen Links zu allem, worüber wir gesprochen haben: deiner Website, deinem Blog und so weiter. Ganz einfach: hedan.fr für alles.
Vielen Dank dafür. Ich weiß, ich nerve, aber du musst wirklich wiederkommen, denn es war ehrlich ein solches Vergnügen, dich hier zu haben.
Steeve Marion:
Absolut. Wir machen weitere Livestreams zu deinen Neuigkeiten und deinen nächsten Veröffentlichungen. Es war wirklich eine große Freude und Ehre, dich bei uns zu haben. Sehr, sehr cool.
Und danke an alle, die seit zehn Uhr heute Morgen bei uns sind. Wir können jetzt alle zur Messe gehen.
Einen schönen Sonntag an alle. Und nochmals danke, Vincent. Bei dir ist jetzt Abend. Wie spät ist es dort, fast 19 Uhr? Also einen schönen Abend, Vincent.
Vincent Hedan:
Nochmals danke für die Einladung. Und danke an alle, die uns gefolgt sind. Wir sehen uns danach in den Kommentaren wieder.
Danke, danke. Ciao, ciao zusammen. Bye.